's als ein echtes Gottesgeschöpf, in Gesundheit
und natürlicher Wohlgestalt; auferzogen ohne Künstelei; alsdenn befangen mit
einem Gegenstande, in welchem seine Kräfte sich sammlen, ordnen und zur
schicklichsten Wirksamkeit vereinigen konnten. Sind doch alle Tugenden eine
freie Gabe des Schöpfers; unmittelbare Naturtriebe, nur verschieden gestaltet
nach den verschiedenen Formen und Zuständen menschlicher Gesellschaft; keine, die
nicht da war, ehe sie Namen hatte und Vorschrift! Alle Moral, von jeher bloß
philosophische Geschichte, spekulative Entwicklung, Wissenschaft; und jene
innere Harmonie, jene Einheit in Tun und Dichten, das Augenmerk emporstrebender
Menschheit, allemal nur die Geburt irgendeiner erspriesslichen Hauptneigung,
welche dem Menschen Beruf erteilte und Plan! Wo Einheit der Neigungen entsteht,
da macht sich die Einheit des Wandels von selbst; da bildet der Mensch seine
erwählte Lage aus; formt sich je mehr und mehr zum Ganzen; und nun, je
befangener von der einen Seite, je freier von allen übrigen; verletzbar nur in
einem Punkte seines Wesens; in ihm selber gewiss; mutig; begnügt; und darum
unabhängig, edel, gefällig und von ganzer Seele gut. Greif's an allen Enden; du
wirst finden: gerader Sinn, dringendes Geschäfte, und darin Emsigkeit und Treue
mit Lust, sind die Eckpfosten aller Glückseligkeit und Tugend.
    Nun erinnere Dich, was ich am Anfange dieses Briefs über Nebel und
ordentlichen Wandel philosophierte. Vielleicht klang es Dir leichtfertig; tiefer
erwogen, wie wahr? Wie dumpfen Sinnes, wie erstorben muss der sein, der seine
Neigungen sich aus lauter Moral bilden, der mit lauter Moral sie nach Gefallen
unterdrücken kann! Zehnmal besser ist mir da der gutherzige Wildfang, der noch
Leben im Busen nährt und Liebe. Und dann noch eins: auch dem Menschen höherer
Art, der ein geordnetes durchgängig zusammenhangendes Leben führt, muss vieles in
Nebel verhüllt stehen; aber es ist nur der Duft, welcher von dem ganz
aufgehellten Plan seines Würkungskreises sich an desselben Grenzen gedrängt hat.
Unsere Philosophen allein bewohnen himmelnahe Felsenhöhen, von keinem Dufte
getrübt, rundum endlose Helle und Leere. Mir ginge da der Atem aus. Schon ist
mir die Luft zu dünn, wo ich bin, und ich sinne darauf, wie ich allmählich noch
etwas tiefer herabkomme. Auch ist nicht wohl zu leugnen, dass in einem engeren
Horizont uns die Gegenstände viel wärmer an Aug und Herz kommen. Grenzenlose
Begrenzung, Raum ohne Maß und Ende, wo ich's erblicke, macht's mir Höllenangst;
darum eng ich mich gern ein bisschen ein; lasse mir's wohl sein in irdischem
Beginnen, da ich ein Ende meines Tuns sehe, und doch alle meine Kräfte
dransetzen muss.
    Zum Schluße noch ein Wörtchen von Freundschaft. - Das
