 um
Erlaubnis, noch vorher eine kleine Reise in einige Provinzen von Abyssinien
machen zu dürfen, die ich auch erhielt. Hauptsächlich aber war mir's darum zu
tun, den merkwürdigen Mann kennenzulernen, von dem ich nun schon ein paarmal
Erwähnung getan habe; ich meine den Erzieher des jüngeren königlichen Prinzen.
Mit wahrer Traurigkeit bemerkte ich auf dieser Reise das abscheuliche Verderbnis
der Sitten in allen Ständen, das, leider! mit den Graden der Kultur in gleichem
Verhältnisse stand, und ich rief oft missmütig aus: »Müssen denn die Menschen um
so lasterhafter werden, je mehr sie ihre intellektuellen Anlagen ausbilden, oder
ist dies alles nur Folge der halben Aufklärung; werden nicht endlich diese
Nebenwege, diese Abwege dennoch zu dem letzten großen Ziele, zu dem Triumphe der
Aufklärung, zu der auf Erfahrung gestützten Wahrheit hinführen, dass der höchste
Grad von Weisheit in dem höchsten Grade von Tugend beruhe und dass nur der
mäßige, nüchterne, von unruhigen Leidenschaften freie Mensch den großen Genuss
des Lebens, aller geistigen und körperlichen Kräfte, häuslicher Glückseligkeit
und bürgerlicher Vorteile schmecken könne?«
    Die Weiber in Abyssinien, besonders die in Tabelaque, sind im höchsten Grade
frech und verbuhlt4; sie spotten öffentlich der Pflicht und der Tugend; die
Priester und Mönche sind allen Ausschweifungen ergeben und dabei die ärgsten
Diebe. - Und dennoch hält man strenge auf Beobachtung der religiösen Zeremonien,
betet sehr viel und besucht fleißig die zahlreichen Kirchen.
    Über alle diese Gegenstände, und hauptsächlich über die Kraft des Einflusses
der Religion auf die Sittlichkeit, hatte ich, nach meiner Zurückkunft, sehr
weitläuftige Gespräche mit dem großen Negus. Eines Tags fragte mich der König,
ob es wahr sei, dass in Deutschland jeder Mann sich mit einer Frau, jede Frau
sich mit einem Manne begnügte.
    ICH: Das nun eben nicht; aber gesetzmässig sind doch die Vielweiberei und
Vielmännerei verboten.
    NEGUS: In der Bibel steht nichts von dem Verbote der Vielweiberei. Was die
Vielmännerei betrifft, so sagt uns schon die gesunde Vernunft, dass unter
Menschen, die nicht wie das Vieh leben wollen, eine Frau nicht mehr als einen
Mann haben dürfe, der ihr Herr, ihr Ernährer und der Vater ihrer Kinder sei;
aber das sehe ich nicht ein, warum eure bürgerlichen Gesetze dem Manne nicht
erlauben, soviel Weiber zu nehmen, als er ernähren kann.
    ICH: Weil in Europa die Gattin zugleich des Mannes treue Gefährtin, seine
teilnehmende Freundin im Glück und Unglücke, die sorgsame Mutter und
Miterzieherin seiner Kinder sein soll - Bande, die nur durch gegenseitiges
Zutrauen, durch gegenseitige Hochachtung, durch gegenseitige ausschliessliche
Hingebung und durch die Überzeugung fester geknüpft werden können, dass, auch
außer den Augenblicken der Befriedigung sinnlicher Begierden und auch dann, wenn
