 Gebrechen, die ich hier als meinem Vaterlande eigen
angab, waren, wie man sich aus meinen Fragmenten der abyssinischen Geschichte
erinnern wird, hier nicht weniger eingerissen. Es war ein delikater Punkt, dies
gegen den Monarchen zu rügen; indem ich aber die Szene nach Deutschland hin
verlegete und dennoch der Wahrheit treu blieb, gab ich ihm Gelegenheit, die Übel
mit allen ihren Folgen kaltblütig zu überschauen.
    Ich hielt dies um so mehr für Pflicht, da ich sah, wie mein Vetter, nicht
eigentlich aus bösem Herzen, aber aus einer unverzeihlichen Schwäche und aus
Furcht, Gunst und Ehrenstellen zu verlieren, dem Negus auf unendliche Weise
schmeichelte, sein Steckenpferd, die Aufklärung, zu verbreiten und von sich als
einem Beförderer der Wissenschaften und Künste reden zu machen, streichelte und
wie mit der europäischen sogenannten Aufklärung alle unsre schädliche Torheiten
und Ungehörigkeiten mit nach Abyssinien zogen. Hindern konnte ich das nicht,
aber ich wollte wenigstens nichts dazu beitragen. Benjamin Noldmann ist weit
davon entfernt, sich denen zum Muster aufdringen zu wollen, die Einfluss auf
Potentaten haben; aber das kann er doch nicht verhehlen, dass er die Erfahrung
gemacht hat, dass man mehr als bloß die innere Beruhigung, die Pflicht der
Rechtschaffenheit erfüllt zu haben, dabei gewinnt, wenn man freimütig die Partei
der Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit nimmt. Die Fürsten verachten doch
im Grunde den sklavischen Schmeichler und schonen und ehren den unbestechbar
redlichen Mann. Und ist es nicht das feinste Lob, das man einem Fürsten zu geben
vermag, wenn man in seiner Gegenwart andre seinesgleichen tadelt? Heißt das
nicht soviel gesagt, als dass man ihn unfähig hält, in ähnliche Fehler zu
verfallen? Geschieht dies ohne Bitterkeit und Leidenschaft, so kann es auch
wirklich, insofern es oft wiederholt wird, eine Sinnesänderung bei ihm bewirken
und ihn wenigstens von manchem raschen Schritte abhalten, wenn er sieht, dass
auch er der öffentlichen Prüfung unterworfen ist.
    Diesem Systeme bin ich immer treu geblieben, solange ich in Gondar war. Ich
hatte einige Belesenheit in der Geschichte der europäischen Staaten, und das gab
mir Gelegenheit, was ich vorzubringen hatte, zuweilen von daher zu entlehnen.
Wir redeten von Ludwig dem Vierzehnten, den die Schmeichler einst den Großen
genannt haben, und ich machte ihm bemerklich, welch ein elender, kleiner, eitler
Kerl dieser große König gewesen wäre, wie er die Menschen als das Vieh
betrachtet hätte, erzählte ihm unter andern, wieviel Tausende er in seinen
unnützen Kriegen aufgeopfert, wie er an armen Leuten Proben mit Arzeneien und
gefährlichen Fistelkuren hätte vornehmen lassen, um zu sehen, ob sie daran
stürben oder ob er seinen gesalbten Körper einer gleichen Behandlung unterwerfen
dürfte. Ich hätte ihm einen ähnlichen Zug von einem deutschen Fürsten erzählen
können
