 er doch ernährt, gepflegt und geehrt wird, eine Gnade, als sei das Geld,
welches er ausspendet, das Almosen, welches er gibt, die Besoldung, womit er den
Fleiß belohnt, aus seinem Schatze hergegeben, da es doch nur das Eigentum des
Landes ist, welches er verwaltet; in eitlen Freuden, Zerstreuungen und Lüsten
herumtaumelnd, vergessen die Großen der Erde, wenn sie nicht so erhaben, so edel
wie Euer Majestät denken, gar zu leicht, dass indes Millionen Menschen nach Brot
und nach Sicherheit gegen Unrecht und Bedrückungen seufzen. Man entfernt von
ihnen den Anblick des Elendes, damit sie nicht auf die Spur kommen, woher dies
Elend rührt, nicht erfahren, dass die kleinen Untertyrannen es sind, die das Volk
so unglücklich machen; damit sie nicht böser Laune werden, noch verstimmt seien,
wenn irgendein Liebling für sich oder seine Kreaturen eine neue Gunst auf
Unkosten andrer erbetteln will. Da würde es denn ganz heilsam sein, wenn man sie
zuweilen durch die laute Volksstimme daran erinnerte, dass dies Volk ein Recht
hat, sie zu ihrer Pflicht aufzufordern, und dass, wenn sie auch vor dieser lauten
Stimme ihre Ohren verschlössen, jeder dieser schreienden Mäuler auch zwei Arme
hat, womit man Felsen sprengen, also auch Throne umstürzen kann.«
    NEGUS: Darfst du das in Deutschland laut sagen, was du dich unterstehst,
hier vor mir zu reden?
    ICH: Allergnädigster König! Ein großer, edler Regent fürchtet die Stimme der
Wahrheit nicht und hasst nicht den, welcher die Stimme führt; und die kleinen,
niedrigen Despoten scheuet man jetzt nicht mehr. Man schreibt und redet schon
ziemlich laut über Menschenrechte und Regentenpflichten und wird bald noch
lauter darüber reden. Nur ist es zu bedauern, dass solche Wahrheiten selten zu
den Ohren unsrer Fürsten kommen. Die Wesirs und Muftis, die mehr als die Sultane
dabei interessiert sind, dass alles auf dem alten Fuße bleibe, verstopfen ihren
Herrn die Ohren und verbinden ihnen die Augen. Unsre Fürsten sind zum Teil
gutgeartete Menschen; wenn man ihnen an das Herz redete, so würden wohl viele
von ihnen auf bessere Wege zu lenken sein, ja, sie würden die Notwendigkeit
einsehen, ihr System zu ändern. - Denn das lässt sich doch begreifen, dass, früh
oder spät, das gemisshandelte Volk die Last der unnatürlichen Ketten fühlen und
sich wundern wird, wie es wohl kommt, dass es erst jetzt einsieht, es liege nur
an ihm, diese Fesseln abzuschütteln. Und dann möchte vielleicht eine ärgre
Revolution erfolgen, als gegenwärtig zu befürchten wäre, wenn die Despoten
gutwillig sich den ersten, heiligsten Gesetzen, den Gesetzen der Menschheit,
unterwürfen.
    NEGUS: Aber wenn eure Fürsten das, was gegen die
