 so
höchst elenden Verkettung unglaublich unglücklicher Zufälle, die sich gegen die
besten Menschen verschworen zu haben scheinen, zusammengesetzt ist, dass man, bei
meiner Seele! nichts dabei empfinden kann als Ekel vor diesen Greueln und
Unwillen gegen Gott, der, wenn man solchen Unglücksmalern glauben soll, auch
dann seine Geschöpfe peinigt und mit Gewalt in den Abgrund zieht, wenn sie
nichts verschuldet haben. Nein! ich mag wohl, dass der Zuschauer seine Torheiten
und Laster in Beispielen geschildert sehe, aber es müssen keine
Tollhaustorheiten und keine Strassenräuberslaster sein, damit der Zuschauer sich
selber in seinen Augen nicht als ein Engel von Tugend und Weisheit in
Vergleichung mit jenen Kreaturen erscheine. Ich mag wohl, dass auf dem Theater
anschaulich gezeigt werde, in welches Labyrinth von Elend der schwache Mensch
durch einen einzigen schiefen Bockssprung geraten kann; aber bloß eine Galerie
von Jammer und Not zu eröffnen, um zu zeigen, dass man die elende Kunst versteht,
uns zu erschüttern; den Mann, der in das Schauspiel geht, um sich, auf
anständige und vernünftige Weise, von seinen häuslichen und bürgerlichen
Geschäften zu erholen, seine Sorgen und Leiden zu vergessen und sein Gemüt durch
Lächeln aufzuheitern oder durch sanfte Rührung in süße Schwermut einzuwiegen und
dadurch den Sturm wilder Leidenschaften zu dämpfen: einen solchen Mann
dergestalt zu handhaben, dass ihm die Haare zu Berge stehen müssen, ihm gleichsam
zu sagen: Siehst du, Kerl, alles Unglück, was du zu Hause und auswärts gesehen
und erlebt hast, ist gar nichts gegen das, was dir noch jeden Augenblick
begegnen kann, wärst du auch der edelste und klügste Mann auf der Welt; damit er
dann trauriger, mutloser und verzweiflungsvoller als je nach Hause gehe - mich
dünkt, das ist ein unedler Zweck, dessen sich die Schauspielkunst schämen
sollte. Und wenn denn die Bösewichte in solcher Herrlichkeit und Kraft
dargestellt werden, dass man über ihre Größe die Abscheulichkeit und Gefahr ihrer
Grundsätze vergisst, oder so liebenswürdig, dass wir uns hingezogen fühlen zu
ihnen und dass leise der Gedanke in uns erwacht, für ein so eminentes Genie gäbe
es keine Gesetze, keine Moral, und dass der feurige Jüngling leicht versucht
wird, sich für ein solches privilegiertes Wesen zu halten; und wenn nun neben
diesen Riesen von abscheulicher Erhabenheit die kalten Tugendbilder wie
geschmacklose Zwergfiguren aussehen; endlich, wenn man uns, statt natürlicher,
menschlicher Szenen und interessanter Begebenheiten, höchst verwickelte, sich
durchkreuzende, immer unerwartet sich auflösende Geschichten darstellt, so dass
man zuletzt keinen Sinn mehr für das Einfache hat und uns alles in der
wirklichen Welt langweilig und zu alltäglich vorkömmt, weil man unsre Phantasie
ohne Unterlass reizt, mit uns in idealischen Sphären herumzusegeln - was für
Nutzen hat dann das Schauspiel für Kopf und Herz
