 sophistischen Zweifel in ihrem Systeme irregemacht würden, sei gar nichts,
sei nicht mehr wert als der Unglaube eines solchen; und endlich sei es ja doch
möglich, dass Menschen irren könnten, dass man durch Zweifeln und Streiten auf den
Grund besserer Wahrheiten käme, welches offenbarer Gewinst für die Menschheit
sei. - Indessen gehorchte man der Verordnung und - schwieg.
    Damit aber war den Pfaffen noch immer nicht geholfen. Bald fing man an, auch
zu befehlen, was die Menschen glauben sollten. Es wurde ein eigenes Gericht
niedergesetzt, welchem sogar der König selbst in Glaubenssachen sich unterwarf.
Dies Gericht hatte das Recht, jeden vorladen zu lassen und ihn zu befragen, ob
er dies oder jenes glaube oder nicht. War der Mann kein Heuchler, sondern
gestand offenherzig, er könne dies oder jenes nicht glauben, wolle aber gern
still dazu schweigen, so half ihm das nichts, sondern er wurde, seines
Unglaubens wegen, mit willkürlicher, ja, zuweilen mit Todesstrafe belegt.
    Darauf erschien ein Befehl, dass auch kein Fremder, der im Lande sich
niederlassen wollte oder schon sich niedergelassen hätte, darin geduldet werden
sollte, er habe denn vorher seine alten Irrtümer abgeschworen und den Glauben
der Abyssinier angenommen. Man nannte dies aber: die Religion des Landes
annehmen, denn nun waren Religion, Theologie und Gottesdienst schon
gleichbedeutende Dinge geworden.
    Jetzt hatten die Pfaffen freie Hand, ihre Privatsache gegen die besten
Menschen auszuüben; denn wenn sie gern jemand auf die Seite schaffen wollten,
der ihnen im Wege war oder ihnen sein Weib nicht preisgeben mochte, so brachten
sie falsche Zeugen gegen ihn auf, die aussagen mussten, er habe gegen die
Religion oder deren Priester geredet. (Denn sie machten ihre Sache zur Sache
Gottes) Seine Verteidigung, ja, sein Widerruf half nichts, und er wurde auf
grausame Weise hingerichtet.
    Jeder Druck, jeder Zwang reizt zum Widerstande. Vorher war es keinem Laien
eingefallen, sehr eigensinnig für oder gegen die Glaubenslehren eingenommen zu
sein; jetzt fanden sich eine Menge Irrgläubiger, Sektierer, Freigeister und von
der andern Seite blinde Fanatiker. Die Dogmatik und Ortodoxie also waren es in
Abyssinien, wie in allen übrigen Ländern, welche Unglauben und Aberglauben
erzeugten. Diese verschiedenen Sekten aber hassten und verfolgten sich auf das
schrecklichste im bürgerlichen Leben. - Und so wurde denn auch da die heilige,
zum Wohl der Welt den Menschen gegebene, Frieden und Bruderliebe predigende
Religion die reichste Quelle des Zwistes, der Verfolgung und unnennbaren Elends
unter ihnen.
    Doch nicht genug daran; in ihrem Schoße fand auch der heuchlerische
Bösewicht Mittel, alle Bubenstücke zu begehen und dennoch für einen frommen,
rechtschaffnen Mann zu gelten. Da nun das Wesen der Religion in blindem Glauben,
in Werkheiligkeit, gottesdienstlichen
