, der wurde mit seiner ganzen zeitlichen Glückseligkeit das Opfer davon. In
alle Häuser schlichen sie sich als Ratgeber ein, verschaften sich das Vorrecht,
sich die wichtigsten Geheimnisse anvertrauen lassen und, gegen jedermann
verschwiegen, folglich auch mit Mädchen und Weibern Gespräche unter vier Augen
halten zu dürfen, die weder der Ehemann noch der Vater zu unterbrechen wagte.
    Allein das war ihnen noch nicht genug. Wer vierzehn Jugendjahre in ihren
Schulen verschleuderte, konnte denn doch die übrige Zeit seines Lebens anwenden,
die schiefen Begriffe wiederum aus seinem Kopfe herauszuarbeiten, die er dort
aufgesammelt hatte; und wenn er dann der Klerisei die schuldigen Gebühren
entrichtete und gegen keines ihrer Privilegien Eingriffe wagte, so mussten sie
ihn wohl in Ruhe lassen. - So blieb es aber nicht; es kam darauf an, auch ein
Mittel zu finden, mit einigem Schein des Rechts offensive gegen ruhige Bürger
verfahren zu können, und das Mittel musste den Pfaffen die herrliche Erfindung
der Ortodoxie darreichen.
    Die Überzeugung des Verstandes ist, wie bekannt, ein Ding, das durchaus
nicht in unsrer Gewalt steht. Sehr unwillkürlich sind die Eindrücke, welche die
äußern Gegenstände auf uns machen, sehr unwillkürlich die Vorstellungen, die in
uns erzeugt werden. Selbst bei solchen praktischen Sätzen, auf welchen gewisse
Handlungen beruhen, ist das höchste, was derjenige, welcher mir Gesetze
vorschreibt, von mir verlangen kann, dass ich jene Handlungen so begehe, wie er
sie mir vorschreibt. Aber noch obendrein zu fordern, dass ich den Gründen, warum
er sie mir vorschreibt, meinen vollkommenen Beifall geben soll, das ist
Tyrannei! Vollends aber bei bloß teoretischen oder gar spekulativen Sätzen, die
gar keinen Einfluss auf Handlungen haben, meine Vernunft in einen fremden
Schraubestock zwängen zu sollen; wer das fordert, der will die Menschen unter
die Tiere erniedrigen, das kann - nur ein Priester wollen! Und dennoch wagten
die Pfaffen in Abyssinien, unter der Regierung eines erzfrommen Negus, auch
diesen Eingriff in die Rechte der Menschheit. Man machte damit den Anfang, zu
befehlen, dass, da die Sätze der Theologie und dasjenige, was in den Schulen von
dem Wesen des unsichtbaren Gottes, von Schöpfung der Welt und dergleichen
vorgetragen würde, unzählige Menschen überzeugte und glücklich und ruhig machte,
so solle sich keiner unterstehen, Zweifel gegen diese Lehren vorzutragen.
    Schon dies Gesetz empörte die Weisern im Volke. Man sagte, eine Lehre, die
keine Prüfung und Beleuchtung verstatte, müsse jedem sehr verdächtig vorkommen;
es sei möglich, dass jemand, der bis dahin bei dem Glauben an diese Lehren ruhig
gewesen sei, doch noch ruhiger werden würde, wenn er andre Sätze annähme, wozu
man ihm nun aber den Weg versperrte; die Überzeugung solcher Leute, die von
jedem
