 die Abyssinier an äusserm Prunk und an Feierlichkeiten
Geschmack fanden, ordnete man mehr jährliche öffentliche Feste, Busstage und,
nach dem Beispiele der Israeliten, auch einen wöchentlichen, dem Gottesdienste
und der Ruhe von Geschäften gewidmeten Sabbat an, bauete Tempel und ernannte
einen Stamm, der, wie der Stamm Levi, den religiösen Zeremonien vorstehen, dem
Volke vorbeten und die Opfer verrichten sollte. Da dieser Stamm, wie billig, vom
Staate ernährt werden musste, so wies man ihm einen Anteil an den Opfern an,
verwilligte ihm den Zehnten von gewissen Feldern, beschenkte ihn auch wohl mit
heimgefallnen Gütern. Zu bereichern suchten sich diese Leviten, wie alle
Priester; allein sie durften doch ohne Bestimmung des Fürsten nichts an sich
reißen. Geherrscht hätten sie gern, wie alle Priester; aber dazu fand sich noch
keine Gelegenheit. Freilich suchten sie sich in den Ruf zu setzen, als seien sie
in unmittelbarer Verbindung mit dem höchsten Wesen, gaben Wunder und
Weissagungen vor, wollten zu Rate gezogen sein, wenn etwas Großes in dem Staate
unternommen werden sollte; doch war ihr Kredit noch immer sehr eingeschränkt.
Auf unnütze Spekulationen fielen sie auch, wie alle Müßiggänger; sie fingen an,
die jüdischen heiligen Bücher auf mannigfaltige Weise zu kommentieren; allein
sie zankten sich nur unter sich, und die Laien nahmen keinen Anteil an ihren
theologischen Streitigkeiten. Da wurde zum Beispiel die große, wichtige Frage
unter ihnen aufgeworfen, wieviel Sprossen die Himmelsleiter gehabt, welche Jakob
im Traume gesehen hätte, ob es Engel weiblichen Geschlechts gäbe und dergleichen
mehr; aber das Volk ging seinen Nahrungsgeschäften nach und ließ die Priester
das unter sich verfechten.
    Da alle diese Mittel, sich gelten zu machen, nicht anschlagen wollten, so
erlauerten sie den Zeitpunkt, als grade ein schwacher, abergläubischer Fürst auf
dem Throne saß, suchten diesem eine große Meinung von der Wirkung ihres Gebets
und von ihrer Gabe, Wunder zu tun und zu weissagen, beizubringen und erlangten
von ihm das Privilegium, Schulen anzulegen und Menschen, die zu nützlicher
bürgerlichen Lebensart bestimmt waren, und überhaupt ohne Unterschied alle
Bürger mit Gewalt in der Theologie zu unterrichten.
    Die Folgen davon sind leicht einzusehen. Der Geist des ganzen Volks wurde
von dem graden Wege der gesunden Vernunft, die sich berechtigt glaubt, nichts
als wahr annehmen zu dürfen, als wovon sie den Grund einsieht, auf
Spitzfindigkeit, Sophismen und Aberglauben, von zweckmässiger Tätigkeit auf
unnütze Spekulationen geleitet, nicht nach Überzeugung, sondern nach Autorität
zu urteilen, nach Autorität zu glauben und danach zu handeln; das Herz wurde
für warme, innige, einfältige Gottesverehrung unempfänglich gemacht und an
Formeln, kalte Feierlichkeiten und mechanische Andächtelei gewöhnt; die
schönsten Jugendjahre, wo es Zeit gewesen wäre, den Verstand aufzuklären und das
