 und morden, von denen sie besoldet, ernährt,
gepflegt wurden. Der Sohn musste gegen den Vater fechten, der Freund den Freund
zu Boden strecken. Nun erst war der Despotismus fest gegründet, das Volk zu
Sklaven gemacht; keiner wagte es ferner zu murren; der gekrönte Schurke spielte
mit dem Leben, mit dem Vermögen, mit der ganzen natürlichen, bürgerlichen und
moralischen Existenz derer, die ihm freiwillig und zutrauvoll ihr zeitliches
Glück in die Hände gegeben hatten. Ein einziges freies Wort brachte den
redlichsten, weisesten Mann ohne Urteil und Recht, ohne Verhör, ohne Mitleid
gegen seine trostlose Familie auf das Blutgerüste; die bewaffneten Henker rissen
den Edelen, der dem Günstlinge nicht zu schmeicheln verstand, aus den Armen
seines treuen Weibes, schleppten ihn in den Kerker und ließ ihn da
verschmachten.
    Doch das war nicht der letzte Missbrauch, den der Despot von seinem
Kriegsheere machte; man zeigte ihm noch einen Weg, Vorteil davon zu ziehen. Er
verkaufte nämlich das Leben seiner Untertanen an benachbarte Mächte, vermietete
vernünftige Wesen, wie man Lasttiere vermietet, ließ sich große Summen bezahlen,
die in seine Kassen flossen und die er mit seinen Lieblingen und Kebsweibern
verschwelgte. - Höher, sollte man meinen, könne der Despotismus nicht steigen;
allein da würde man irren; das folgende Kapitel wird dies klarmachen.
 
                              Dreizehntes Kapitel
                               Schluss des vorigen
Frei geborene Menschen durch stufenweise verstärkte Eingriffe in ihre Rechte,
dann durch immer mehr gewagte Misshandlungen, nebenher durch Korruption ihrer
Sitten, wodurch Seele und Leib geschwächt, zum Widerstande unfähig gemacht
werden, endlich durch erschreckliche Strafen sich unterwürfig zu machen, das
heißt, Meister über alle ihre Handlungen zu werden; das ist freilich ein
abscheulicher Despotismus! - Aber was bedeutet das gegen die Tyrannei, die man
ausübt, wenn man auch über ihre Meinungen, über ihre Vorstellungen und über
ihren Glauben sich eine Herrschaft anmasst? Dennoch kam es auch so weit in
Abyssinien. Dass dies das Werk der Priester war, versteht sich wohl von selber.
    Bis jetzt habe ich von dem Religionswesen in Abyssinien noch gar nichts
gesagt; hier ist der Ort dazu. In den ältesten Zeiten, das heißt, in den Zeiten,
die unmittelbar auf die große Überschwemmung folgten, war der Gottesdienst der
Abyssinier äußerst einfach; ihre Religion beruhete auf sehr dunklen Ideen vom
göttlichen Wesen, und von Theologie und Priesterstande hatten sie das Glück
nichts zu wissen.
    Die Tradition von der Überschwemmung durchkreuzte ihre Traditionen über die
Schöpfung der Welt und über das, was bis zu jener Überschwemmung in ihren
Gegenden vorgefallen war. Indessen glaubten sie, dass die ganze Welt von einem
einzigen unsichtbaren Wesen wäre geschaffen worden und noch im Gange erhalten
werde; dass dies Wesen ehemals sich den Menschen sichtbar gezeigt hätte;
