 dass ihr Amt, ihr Stand nur von unsrer
Übereinkunft und Beistimmung abhängt; dass erst der geringste arbeitsame Bürger
unter uns Brot haben muss, ehe an den Hofschranzen und Tagedieb die Reihe kommt,
ehe aus dem öffentlichen Schatze dem Müßiggänger Pasteten und Braten gekauft und
Geiger und Pfeifer und Buhlerinnen besoldet werden. Und wenn das unsre Fürsten
einsehen, anerkennen und danach handeln, dann wollen wir sie in Ehren halten
und nicht absetzen, wollen ihnen ihr Leben süß und leicht machen, wollen ihnen,
für ihre Arbeit und Sorgfalt, Gemächlichkeit und erlaubte Freuden des Lebens und
Wohlstand zusichern und dafür sorgen, dass ihre Kinder nach diesen Grundsätzen
erzogen und würdig werden, nach ihnen an unsrer Spitze zu stehen. Und wenn sie
tot sind, wollen wir das Andenken des guten, tätigen, väterlichen Wohltäters
segnen, der für viele gelebt und seine Kräfte dem allgemeinen Besten gewidmet
hat.
    Ich hoffe, dass man bald aus diesem Tone auch in Nubien reden wird; und welch
ein glückliches Reich, glücklich wie unser Europa, wird dann Nubien werden!
    Nach dieser Ausschweifung kehre ich zu der Geschichte meiner Reise zurück,
womit ich ein neues Kapitel anfangen will.
 
                               Siebentes Kapitel
  Ankunft in Gondar, Empfang und andre Nachrichten, das Land, den Hof und die
                                Stadt betreffend
Es war nun im Jahre 1768, als ich Nubien verließ, wo ich nicht nur die mir
aufgetragnen Verhandlungen vollkommen nach Wunsche ausgerichtet hatte, sondern
auch an allen Höfen mit ausgezeichneter Achtung war behandelt worden. Die Hitze
war groß am Tage und in der Nacht dagegen die Kälte fast unerträglich; mein
Vetter, der Minister, hatte aber dafür gesorgt, dass ich mich gegen beides
verwahren konnte.
    Die Reise ging immer längs den Ufern des Nils hinauf. Mit wahrem Entzücken
erblickte ich hier das schönste Land, das ich noch je gesehen hatte; ganze
Wälder von Akazienbäumen, eine angenehme Abwechselung von Bergen und Tälern, das
schönste Obst und allerorten die Spuren des Fleißes der Einwohner, den
herrlichsten Weizen, großes, fettes Vieh - kurz, ich durchreisete Provinzen, die
mir dem mittägigen Teile von Frankreich nichts nachzugeben schienen, nämlich der
Beschreibung nach, die ich davon gelesen hatte, denn ich kannte damals von
Europa noch nichts als die Gegenden von Goslar, Holzmünden, Helmstedt und den
Strich von meiner Vaterstadt an bis Stade. Die Fruchtbarkeit in manchen
Provinzen von Abyssinien, zum Beispiel um Selechleche her und in der Provinz
Waggora, ist so groß, dass die Einwohner dreimal im Jahre ernten.
    Manche von den abyssinischen Völkern, die ich sah, waren schwarz, andre
braun und noch andre olivenfarbig.
    Schon einige Meilen von Gondar, welches eine große, prächtige, schön gebaute
Stadt ist, erblickte ich vortreffliche Anlagen, Lustschlösser, Gärten, Alleen
