 das gemeine Wesen davon
zieht, dass dieser Mann grade Talente zu dem und nicht zu jenem Geschäfte von der
Natur erhalten oder ausgebauet hat? Und welcher Mann verdient wohl mehr Achtung
und Vorzug, der, welcher mit besondrer Fertigkeit und mit unausgesetztem Fleiße,
jahraus, jahrein, Schwefelhölzer schnitzelt und davon seine Familie ernährt,
oder der Bücherschreiber, der einmal vortreffliche Dinge hat drucken lassen, die
übrige Zeit seines Lebens aber gefaulenzt und, bei der Ungewissheit, ob er mit
seiner Schriftstellerei wirklich etwas Gutes gestiftet, die Gelegenheit und
Pflicht, unmittelbar seine Kräfte dem gemeinen Wesen zu widmen, verabsäumt hat?
Vom Schuster kaufe ich Schuhe, weil er das Schuhmachen gelernt hat, vom Arzte
eine Vorschrift für meine Gesundheit, weil er sich darauf versteht. Der eine
kann sich glücklicher fühlen in dem Besitze einer edlen Kunst als der andre mit
seiner bloß mechanischen Geschicklichkeit; das ist seine Sache; aber ich, der
ich beider bedarf, warum soll ich weniger tief den Hut abziehen vor dem, der
meine Blöße bekleidet, damit ich nicht durch Verkältung krank werde, als vor
dem, der mir, wenn ich krank bin, zu helfen sucht? Mit der innern Ehrerbietung
und Achtung, ja, da ist es ganz etwas anders; wenn wir diese zum Maßstabe unsrer
äußern Behandlung annehmen wollen, so bin ich gern zufrieden. Da wird man denn
aber auch dem ehrlichen Tagelöhner oft eine tiefe Verbeugung machen müssen,
indes der schelmische Minister, wie er es verdient, über die Schulter angesehen
wird. In despotischen Staaten hält sich der geringste Fürstensklave, und wäre er
auch nur ein gemeiner Schreiber, für ein Wesen besserer Art als der freie,
unabhängige Handwerksmann. - Fort mit diesen Armseligkeiten! Fort mit Rang und
Titeln! Die Rücksichten, welche man auf höheres Alter, auf bessere Erfahrungen,
auf Weisheit, Güte, feinere Sitten und Herzenssympatie nimmt und im äußern
Betragen zeigt, die werden nie wegfallen; aber vor falschem Glanze und
eingebildeten Vorzügen wollen wir nicht länger die Knie beugen. Der redliche und
verständige Bauer stehe in unsrer Achtung hoch über dem nichtswürdigen Sohn des
Staatsrats. Der Vorgesetzte im Amte ist nur in Amtsgeschäften vornehmer als sein
Untergeordneter; außerdem gilt er nicht mehr, als was er, als Mensch betrachtet,
wert ist. Sollten wir Gesandten an fremde Höfe schicken, so müssen diese in
Gesellschaft andrer Botschafter allen Rangstreit aufgeben. Sie sind nicht
Stellvertreter eines Despoten, sondern Geschäftsträger einer Nation; und ein
Volk ist nicht vornehmer als das andre.
    Noch viel alberner als die Idee von Rang und Titel überhaupt ist der Begriff
von ererbten oder erkauften oder von einem Menschen dem andern verwilligten
Range und Titeln - mit einem Worte! der Begriff von erblichem und erteiltem
Adel. Wie kann ein
