 erlaubt sein muss, auch über die wichtigsten Dinge frei
und offenherzig seine Meinung zu sagen, und nur Handlungen der Gegenstand der
Gesetzgebung sind, so dürfen also gesprochene und geschriebne Worte, von welcher
Art sie auch sein mögen, nie durch Gesetze eingeschränkt werden.
    12. Da auf diese Weise der Staat den Bürgern Gelegenheit gibt, öffentlich
alles Gute zu tun und zu reden, zum Besten des Ganzen und zu ihrer eignen
Wohlfahrt alle redliche Mittel anzuwenden, sie auch gegen Beeinträchtigung
dieser Freiheit kräftig schützt, so darf er dagegen desto strenger jede geheime
Machination, jede versteckte Meuterei, jede im Finsteren schleichende Wirksamkeit
einzelner und verbundner Menschen, jede anonyme Verunglimpfung, Schmähung und
Anklage verdächtig finden und ahnden; denn da, wo man der Vernunft, der
Ausbreitung nützlicher Kenntnisse und der Ausführung nützlicher Zwecke keinen
Zwang auflegt, da kann es keine erlaubte geheime Künste und keine redliche
geheime Plane geben. - Soviel von der bürgerlichen Freiheit und den Grenzen der
gesetzgebenden Macht im allgemeinen!
 
                              Achtzehntes Kapitel
            Fortsetzung. Staatsbediente und Vorsteher. Ämter. Stände
Ich sehe voraus, dass, bei den besonderen Vorschlägen, die ich nun zu Errichtung
einer neuen Staatsverfassung wagen will, von allen Seiten der Einwurf mir
entgegengestellt werden wird, solche gegen alle bisher herrschend gewesene Ideen
streitende Einrichtungen ließ sich, ohne gänzlichen Umsturz der ganzen
Verfassung und ohne unabsehliche Verwirrung, nicht einführen. - Ich will dies
zugeben; allein meine Absicht ist auch nur, meinen Mitbürgern das Ideal einer
vollkommenen Verfassung, wie ich sie mir denke, hinzustellen. Betrachten Sie dies
Ideal genau, untersuchen Sie, ob es ganz oder zum Teil zu erreichen ist! Und
wenn Sie dann auch nur einige meiner Vorschläge nützlich und anwendbar finden,
so werde ich meine Mühe nicht verloren zu haben glauben. Allein ich muss Sie
zugleich ermuntern, sich nicht durch Vorliebe für das Alte, nicht durch
Privateigennutz noch durch Schwierigkeiten abschrecken zu lassen, das wahrhaftig
Gute, dem Ganzen Nützliche, mit Hinwegwerfung alles dessen, was auch durch
verjährte Vorurteile gleichsam geheiligt scheint, mit Wärme und unverdrossen zu
ergreifen. Ist man einmal von der Güte eines neuen Systems und von der
Mangelhaftigkeit des bisherigen überzeugt, so ist es besser, das alte mit Stumpf
und Stiel auszurotten, als ewig zu flicken und nie ein vollkommnes Ganzes
zustande zu bringen. Was helfen Palliativkuren, wenn man voraussieht, dass, früh
oder spät, ohne gewaltsamen Schnitt der Tod unvermeidlich ist? - Rücken wir der
Sache näher!
    Ohne Haupttriebfeder kann keine Maschine bestehen, ohne Oberhaupt keine
Gesellschaft Bestand haben; es muss also das Ruder des Staats gewissen Händen
anvertraut werden; nur muss dafür gesorgt sein, dass der Mechanismus des Ganzen
so geordnet sei, dass die dirigierende Kraft darin dem Gange keine willkürliche
Richtung geben,
