 bei einer solchen Gesetzgebung, die Mehrheit der Stimmen
entscheiden. Die weiseste Meinung ist nun aber freilich nicht immer die Meinung
des größeren Haufens; allein jeder kann sich für den Weisesten halten; und wer
darf dann entscheiden? Es bleibt daher kein anderes Mittel übrig, als die
Meinung der mehrsten für die beste Meinung zu halten; und am Ende muss es ja auch
von dem größten Haufen abhängen, unweise Gesetze zu geben, wenn er nun einmal
keine andre haben will, weil der größere Haufen der stärkste Teil ist und das
Recht der Stärkern in der ganzen Natur die Oberhand hat.
    4. Es muss jedermann erlaubt sein, wenn ihm diese Gesetze nicht gefallen, das
Land zu verlassen, in welchem man gezwungen wird, nach denselben zu handeln. Ein
Gesetz also, welches den Bürgern im Staate das Auswandern verbietet, ist ein
tyrannisches Gesetz; denn die bürgerliche Einrichtung soll eine Wohltat für
einzelne Menschen sein, und man darf niemand zwingen, wider seinen Willen
Wohltaten anzunehmen.
    5. Durch das Recht des Stärkern, folglich auch durch Vereinigung der größeren
Anzahl gegen die kleinere, folglich auch durch Entscheidung der Mehrheit der
Stimmen, könnten ungerechte Befehle gegeben werden; die bloße Freiheit aber,
sich diesen Ungerechtigkeiten durch Auswanderung aus dem Lande zu entziehen,
scheint manchen guten und nützlichen Bürger in die Verlegenheit stürzen zu
können, des Eigensinns vieler schiefen Köpfe wegen mit seinem gradern Kopfe das
Land zu verlassen und die Früchte seines Fleißes darin mit dem Rücken anzusehen,
ein Land, in welchem er manche andre Gemächlichkeit fand und auf vielfache Weise
Gutes stiften konnte. Um auch diesen Nachteil vom Staate abzuwälzen, muss man
jedem erlauben, die Gemüter der größeren Anzahl zum Vorteile seiner Meinung zu
lenken. Da doch am Ende alles auf dem Recht des Stärkern beruht, so darf man
auch niemand die Mittel benehmen, durch Stärke des Geistes, durch die Übermacht
welche höhere Verstandeskräfte gewähren, der andern Macht das Gleichgewicht zu
halten. Es muss daher jedem unverwehrt bleiben, frei über zu machende und zu
verändernde Gesetze seine Meinung zu sagen und zu schreiben und alle Künste der
Überredung und jedes andre Mittel anzuwenden, um den großen Haufen, welcher
entscheidet, auf seine Seite zu bringen. Wendete er unedle Mittel an und ließ
seine Mitbürger sich durch unedle oder sophistische Gründe lenken, so wäre das
ein Zeichen, dass die mehrsten dieser Leute schlechte, unvernünftige Menschen
wären; und da würde dann erfolgen, was sie verdienten und der Ordnung der Dinge
angemessen ist - sie würden eine schlechte Staatsverfassung bekommen. Dies wird
aber schwerlich je der Fall sein, und wenn man nur zwanglos der Ordnung der
Natur den freien Lauf lässt, so wird auf die Länge immer die Sache der gesunden
Vernunft die Oberhand behalten.
    6.
