 Umgang seines mir unvergesslichen Führers
Alwo. (Wie kommt es, dass ich den Namen dieses vortrefflichen Mannes noch nicht
genannt habe?) Aber auch die Gesellschaft der deutschen Gelehrten und Künstler,
die dort wohnten, gewährte uns manche angenehme Unterhaltung. Es waren darunter
doch gute Köpfe, wenn auch hie und da ein wenig Verschraubteit mit unterlief. -
Unser Leben war den Wissenschaften, der Gemütsruhe und geselligen Freuden
gewidmet; die Ausbildung meines Geistes und Herzens habe ich dieser
sechsjährigen Periode zu danken.
    Was nachher in Abyssinien vorging und ich in den folgenden Kapiteln erzählen
werde, das habe ich größtenteils in der Entfernung, mit kaltem Blute, ohne
tätige Teilnahme beobachtet, und um desto unparteiischer wird nun der Rest
meiner Geschichte ausfallen.
 
                              Vierzehntes Kapitel
            Aufruhr in Nubien. Wirkung davon im abyssinischen Reiche
Obgleich die willkürlichste, höchst tyrannische und drückendste Regierung in
Abyssinien herrschte und allgemeines Verderbnis der Sitten täglich mehr
überhandnahm, so war es dem Negus doch unmöglich, den einmal angezündeten Funken
von Freiheit im Denken und Reden gänzlich auszulöschen. So allgemein war denn
auch wirklich die Korruption nicht, dass nicht, besonders in den Mittelständen
und unter solchen Leuten, die bei Hofe nichts zu suchen hatten, noch Tugend,
Weisheit und Gradheit geherrscht hätten. Brachte die übereilte Aufklärung in
schiefen und aufbrausenden Köpfen verkehrte Wirkungen hervor, so gab sie doch
auch in den besser organisierten Anlass zu einer nützlichen Gärung, regte manche
schlafende Kraft auf und erweckte auch wohl den echten Sinn für Wahrheit und
Freiheit. Ich möchte wünschen, dass diejenigen, welche so geneigt sind, wegen des
Missbrauchs einer Sache die Sache selbst zu verwerfen, und die daher auch jetzt
jede Anstalt zur Aufklärung verdächtig zu machen suchen, weil das Wort
Aufklärung so oft missverstanden wird und zur Firma schädlicher Zwecke dient, ich
möchte doch wünschen, dass diese Leute recht wohl kalkulierten, ob es besser
getan sei, bei ausgemacht tödlichen und ansteckenden Krankheiten der Natur alles
zu überlassen oder Mittel zu wählen, unter denen, wenn sie auch ein wenig gewagt
sind, doch wohl eines anschlagen kann und woran wenigstens kein einziger stirbt,
der nicht ohne dasselbe auch gestorben wäre oder einen siechen Körper behalten
hätte.
    Je strenger der Negus jedes kühne Wort, das gegen ihn ausgestoßen und ihm
hinterbracht wurde, bestrafte, um desto größer (wie immer das Verbotene süßer
schmeckt) wurde der Reiz, heimlich über die neue Regierung zu räsonieren. Aber
es war nicht bloß vom Räsonieren die Rede, sondern das Elend, die Armut, der
Jammer der Völker rührten jedes gefühlvollen Mannes Herz und erzeugten den
leisen Wunsch in ihm: möchte doch die Vorsehung Hilfe schicken! Er suchte dann
unter dem Haufen einen Freund, dem er sich vertrauen konnte, dem, wie ihm, die
allgemeine Not
