 gehandelt war und ob nicht die wenigen
eifrigen Zeloten weiser handelten, die auch nicht ein Tittelchen ausgelöscht
haben wollten und, in Erwartung besserer Zeiten, nicht aufhörten, die Kanzel zu
pauken, den Unglauben zu anatematisieren, Verderben und Untergang zu
prophezeien und mit Feuer vom Himmel zu drohen - das überlasse ich dem geneigten
Leser zu entscheiden.
 
                                Elftes Kapitel
                            Fortsetzung des vorigen
Ich habe eben gesagt, dass der alte Negus täglich toleranter und aufgeklärter
geworden wäre; doch darf ich nicht behaupten, diese Vervollkommnung sei das Werk
eines tiefen, reiflichen Nachdenkens über dergleichen Gegenstände gewesen;
vielmehr riss ihn der allgemeine Strom des Lichts unmerklich mit sich fort. Wir
haben gehört, dass er eine Bücherzensur errichtet hatte; diese wurde freilich
nicht aufgehoben, aber das konnte er doch nicht ändern, dass die Zensoren selbst
allmählich anfingen, die Grundsätze ihres Zeitalters anzunehmen. Nach und nach
starben denn auch die alten, ungeschmeidigen Männer, und junge, freier denkende
kamen, in diesem Departement, an das Ruder. Man wird immer weniger empört durch
kühne Sätze, je öfter man sie hört, und zuletzt kommen sie in allgemeinen Kurs
und erhalten durch vieljährigen Besitz die Rechte der Wahrheit. Dies haben
diejenigen wohl gewusst, welche den Menschen Torheiten und Irrtümer aufheften
wollten. Sie haben so lange dieselben Fratzen gepredigt, gesungen, geschrieben,
gemalt, bis zuletzt kein Mensch mehr das Herz hatte, sich selber zu fragen, ob
auch wohl ein gesunder Begriff in dem allen liege; und beobachten wir mit
philosophischem Auge, auf welche Weise, mitten in aufgeklärten Zeiten, gewisse
Betrüger sich großen Anhang zu verschaffen wissen, so werden wir finden, worauf
die Kunst dieser Leute beruht; sie wissen, dass, wenn sie nur nicht müde werden,
den Unsinn zu behaupten, der anfangs verlacht, nachher übersehen, dann geduldet,
hierauf verteidigt wird und endlich Märtyrer findet, sie doch zuletzt ihren
Zweck erreichen und dass, wenn es erst soweit ist, dann wenig Leute den Mut
haben, sich allgemeinen Meinungen zu widersetzen. Diese Bemerkung könnten sich,
wie ich glaube, diejenigen zu Nutzen machen, welchen es darum zu tun ist, edle,
große und nützliche Wahrheiten auszubreiten. Noch einmal! Das ganze Geheimnis,
um alles in der Welt durchzusetzen, beruht in diesen vier Worten: nicht müde zu
werden.
    Bei dieser kleinen Ausschweifung habe ich nur die Absicht gehabt,
begreiflich zu machen, wie es zuging, dass die Aufklärung in Abyssinien so
schnelle Fortschritte machte. In der Tat brachte man kurz vor dem Tode des alten
Negus in öffentlichen gemischten Gesellschaften, an Tafel und sonst
gesprächsweise Sätze vor, die man zehn Jahre früher kaum würde zu denken gewagt
haben; und die Großen des Hofs, ja, der Monarch selbst,
