
    Die kalte, unteilnehmende Seele des Prinzen war schlechterdings durch
nichts, was gute Menschen interessiert, zu rühren. Glaubte ich zuweilen
wohlwollende Aufwallungen in ihm zu bemerken, so erfuhr ich doch bald nachher,
dass diese entweder nur von schwachen Nerven herrührten, die manchen
unwillkürlichen Eindrücken nicht zu widerstehen vermochten, oder dass er, wie das
bei sanguinischen Temperamenten nicht ungewöhnlich ist, sich hingab, wo diese
Hingebung ihm eignen Genuss gewährte, auch keine Art von Aufopferung kostete, und
dass er aus Langeweile Freundschaften schloss, wobei sein Herz nicht war.
    Eitel im höchsten Grade und nur dann herablassend, gefällig und höflich,
wenn er Schmeichelei und niedrige Gefälligkeit dafür einzuernten hoffen durfte,
hatte er keinen Sinn für fremdes Verdienst, schätzte niemand, betrachtete alle
Menschen als geborene Sklaven und sich von der Natur bestimmt, hoch über sie alle
dazustehen und sie zu Werkzeugen seiner törichten Unternehmungen zu machen. Er
hielt jedermann für eigennützig, glaubte so wenig andre fähig, aus Liebe zum
Guten, ohne Nebenabsichten zu handeln, als er selbst in sich fühlte, wie wenig
er imstande war, etwas aus edleren Trieben zu unternehmen. Der Gedanke, dass
jedermann Plane auf seine Schätze machte, trieb ihn zu dem schmutzigsten Geize;
wo es aber Befriedigung seiner Lüste oder seiner kindischen Eitelkeit galt, da
warf er große Summen weg.
    Sein Hang zu Ausschweifungen und sinnlichen Vergnügungen aller Art nahm mit
jedem Jahre zu, und bald wurde ihm eine ununterbrochne Reihe von wollüstigen und
betäubenden Freuden zum Bedürfnisse.
    Nicht eine Spur von wahrhafter Festigkeit war in seinem Charakter; momentane
Eindrücke, Launen und Grillen bestimmten ihn; aber in dem Augenblicke, dass er
etwas wollte, durfte nichts der Erfüllung seiner Wünsche im Wege stehen; allein
er hob die Schwierigkeiten nicht, sondern ertrotzte es von andern, dass diese sie
aus dem Wege schaffen mussten.
    Ich sah bald, dass dieser Jünglingscharakter einen Mann ankündigte, der einst
als kalter Tyrann und schwacher Wollüstling vieltausend Menschen elend machen
würde, und mit traurigem Herzen wurde ich gewahr, dass er aus jeder fremden
Stadt, die wir besuchten, neue Laster, verstärkte Eindrücke zu Ausbildung seiner
unglücklichen Gemütsart mit sich nahm. Wo Verderbnis der Sitten herrschte und
die Gelegenheit zu Ausschweifungen häufig war, da ergab er sich blindlings
seinem Hange zur Wollust und Völlerei. Wo der Despotismus am höchsten getrieben
wurde, da bestärkte er sich in seinen Grundsätzen von unbedingtem Gehorsame, den
er forderte. Statt in den preußischen Staaten die unermüdete Wachsamkeit und
Tätigkeit des großen, unsterblichen Friedrichs zum Wohl seiner glücklichen
Untertanen anzustaunen und zum höchsten Ideale eines Vorbilds für ihn zu machen,
freute er sich nur, wenn er hörte, dass der weise Monarch nicht litte, dass man
ihm widerspräche, und nahm die Idee aus Berlin mit
