
    Er nagte an den peinvollen Zweifeln seiner Seele in dem dunklen Kerker. Die
schreckliche Szene des Tags malte sich immer düstrer vor seinen Augen, und es
entsprangen grässliche Gedanken gegen den, der das Schicksal der Menschen leitet,
aus diesen schwarzen Betrachtungen. Sein Inneres war in Aufruhr, endlich rief er
hohnlachend aus: »Wo ist hier der Finger der Gottheit? Wo das Auge der
Vorsehung, das über die Wege des Gerechten waltet? Wahnsinnig seh ich den
Redlichen, den belohnt, der ihn zerschlagen! Dem Tyrannen, der die Tugend
heuchelt, entdeckt ich die Bosheit seines Günstlings, und er findet ihn seiner
Freundschaft, der Belohnung nur würdiger! Und es wäre Zweck, Ordnung und
Zusammenhang in der moralischen Welt? Nun, so sind sie auch in dem Gehirn dieses
armen Zerrütteten, den sein Schöpfer ohne Schutz und Rache fallen ließ!« - Er
fuhr fort, und der Teufel horchte lächelnd. »Ist der Mensch durch die Kette der
Notwendigkeit gezwungen zu handeln, so muss man seine Handlungen und Taten dem
höchsten Wesen selbst zuschreiben, und sie hören dadurch auf, strafbar zu sein.
Kann von einem vollkommenen Wesen etwas anders als Gutes und Vollkommnes fließen?
Nun, so sind es unsre Handlungen, so scheusslich sie uns auch vorkommen mögen,
und wir sind ihr Opfer, ohne abzusehen warum. Sind sie sträflich und das, was
sie uns scheinen, so ist dieses Wesen ungerecht gegen uns, denn es straft Greuel
an uns, deren Quelle es selbst ist. Teufel, löse mir diese Rätsel auf, ich will
wissen, warum der Gerechte leidet und der Ruchlose belohnt wird.«
    TEUFEL: Faust, du hast zwei Fälle gesetzt, wie, wenn es noch einen dritten
gäbe? Nämlich, dass ihr auf die Erde geworfen wärt wie Staub und das Gewürme,
ohne Vorsicht und Unterschied. Einem dunklen Wirrwarr überlassen, den man euch
wie einen verworrnen Knäuel übergeben hätte, ihn auseinanderzuzerren, und wenn
euch das unmögliche Werk nicht gelänge, euch euer strenger Herr und Richter doch
zur Rechenschaft dafür aufforderte? Wenn er nun, gleich einem Despoten, eurem
Herzen darum solche zweideutige Gesetze und widersprechende Neigungen
eingedrückt hätte, um sich die Erklärung des dunklen Sinns derselben
vorzubehalten und nach Gefallen zu strafen und zu belohnen?
    FAUST: Bei welchem Philosophen bist du in die Schule gegangen, dass du mir
ein Wenn nach dem andern auftischest? Ha, ich fühle es, der Mensch soll und muss
in der Finsternis tappen, sein Herz durch die Erscheinungen zerreißen lassen,
und wenn er's auch mit dem Teufel versucht, Licht und Klarheit zu erringen. Wenn
Laster und Torheit den Gang der Welt befördern, so ist die Tugend Unsinn, da sie
den nicht schützen kann
