
        
                          Friedrich Maximilian Klinger
                      Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt
 Der Verfasser dieses Buchs hat von allem, was bisher über Fausten gedichtet und
geschrieben worden, nichts genutzt, noch nutzen wollen. Dieses hier ist sein
eigenes Werk, es sei wie es wolle. Davon wenigstens wird sich jeder Leser leicht
aus der Darstellungsart, der Charakteristik und dem Zweck überzeugen.
                                                                            1791
 
                                  Erstes Buch
                                       1.
Lange hatte sich Faust mit den Seifenblasen der Metaphysik, den Irrwischen der
Moral und den Schatten der Theologie herumgeschlagen, ohne eine feste, haltbare
Gestalt für seinen Sinn herauszukämpfen. Ergrimmt warf er sich in die dunklen
Gefilde der Magie und hoffte nun der Natur gewaltsam abzuzwingen, was sie uns so
eigensinnig verbirgt. Sein erster Gewinn war die merkwürdige Erfindung der
Buchdruckerei,1 der zweite war schaudervoller. Er entdeckte durch Forschen und
Zufall die furchtbare Formel, den Teufel aus der Hölle zu rufen und ihn dem
Willen des Menschen untertänig zu machen. Bis jetzt konnte er sich noch nicht,
aus Vorliebe zu seiner unsterblichen Seele, für die jeder Christ wacht, ohne sie
weiter zu kennen, zu diesem gefährlichen Schritt entschließen. In diesem
Augenblick war er ein Mann in seiner vollen Blüte. Die Natur hatte ihn wie einen
ihrer Günstlinge behandelt, ihm einen schönen, festen Körper und eine
bedeutende, edle Gesichtsbildung verliehen. Genug, um Glück in der Welt zu
machen; aber da sie die gefährlichen Gaben strebende, stolze Kraft des Geistes,
hohes, feuriges Gefühl des Herzens und eine glühende Einbildungskraft
hinzufügte, die das Gegenwärtige nie befriedigte, die das Leere, Unzulängliche
des Erhaschten in dem Augenblick des Genusses aufspürte und alle seine übrigen
Fähigkeiten beherrschte, so verlor er bald den Pfad des Glücks, auf den nur
Beschränktheit den Sterblichen zu führen scheint und auf welchem ihn nur
Bescheidenheit erhält. Früh fand er die Grenzen der Menschheit zu enge und stieß
mit wilder Kraft dagegen an, um sie über die Würklichkeit hinüberzurücken. Durch
das, was er in frühern Jahren begriffen und gefühlt zu haben glaubte, fasste er
eine hohe Meinung von den Fähigkeiten, dem moralischen Wert des Menschen, und in
der Vergleichung mit andern legte er natürlich seinem eignen Selbst (welches der
größte Geist mit dem flachsten Schafskopf gemein hat) den größten Teil der
Hauptsumme bei. Zunder genug zu Größe und Ruhm; da aber wahre Größe und wahrer
Ruhm gleich dem Glücke den am meisten zu fliehen scheinen, der sie dann schon
erhaschen will, bevor er ihre feinen, reinen Gestalten von dem Dunst und Nebel
absondert, den der Wahn um sie gezogen, so umarmte er nur zu oft eine Wolke für
die Gemahlin des Donnerers. In seiner Lage schien ihm der kürzeste und bequemste
Weg zum Glück und Ruhm die Wissenschaften zu sein; doch kaum hatte er ihren
