 Schatten stellen würde.
    Wenn wir nach unserer frohen Zusammenkunft uns erst einige Abende hindurch
an diesem matt gelesen - der leidenschaftlichen Sophistereien - der bösen
Beispiele und der schlüpfrigen Bilder, die es hier und da enthält, genug haben
und unsere Herzen welk fühlen; dann wollen wir uns der Ergiessungen dieser reinen
Quelle - dieser edelen, großen und fühlenden Seele, als eines stärkenden
Labetrunks nach vielen erschlaffenden schwülen Tagen, mit desto innigerer
Wollust freuen und ohne den Schreiber, der jene nur allzutreuen Gemälde einer
unsittlichen Welt abstahl, in die Hölle zu verdammen, dem frohen, festen Sinn
seines gutmütigen Tadlers für Tugend und Menschenwürde, vorzüglich aber den
geheimen verschlungenen Wegen nachspüren, die ihn zu dem Gipfel, von dem er nun
auf uns herabsieht, erhoben und die wir, trotz unsrer Scharfsichtigkeit, lieber
Eduard, beide noch nicht entdeckt haben. O warum kann ich ihm nicht in diesem
Augenblick für den hohen Genuss seiner sanften Belehrung dankend zu Füßen fallen!
Wie, um Gottes willen, ging es zu, dass ich nicht schon aus der zarten Behandlung
meiner bis zum Zerbrechen gesunkenen Maschine, den Freund erriet, der allein
Menschenkenntnis genug besaß, sie wieder in ihre physischen und moralischen
Fugen zu zwingen. Musste ich erst aus seinem Briefe den Retter meines Tagebuchs
kennen lernen?
    Wen - außer Ihm, hätte ein so feiner Takt leiten können, die Nachwehen eines
sich selbst vernichtenden Autors zu fassen - das Unglück, das er seinen
Geisteskindern drohte, abzuwenden und seine lebenslängliche Trauer über
aufgeopferten Nachruhm in ein wahres Auferstehungsfest zu verwandeln? Wie konnte
ich zu Marseille, und auch hier noch, fuhr ich immer staunender zu fragen fort,
einem unbekannten Mönche jene Ehrfurcht für einen Weltmann, die brüderliche
Sorgfalt an meinem Krankenbette, die uneigennützige Verzichtleistung auf
Kostenersatz - Belohnung und Dank - wie konnte ich ihm einen Augenblick
zutrauen, dass er an einen sterbenden Ketzer wichtigere Geschenke wagen würde,
als einen geruchlosen Rosenkranz und die letzte Oelung?
    Wie ging es zu, - schlug ich mich zuletzt noch vor die Stirne, dass keiner
meiner Wächter und Wärter mir das Geheimnis verriet? Bastian half mir aus dem
Traum. »Wir,« sagte er, »so viel unser waren, sahen diesen Abgesandten des
Himmels nur schwarz gekleidet vor Ihrem Bette und nach seiner Verschwindung kein
einzigmal wieder.« Jetzt begriff ich, warum der Schlaue, aller französischen
Höflichkeit entgegen, mich nie mit einem Gegenbesuche beehrte, - nie zu einer
gemeinschaftlichen Spazierfahrt abholte, und so fremd mit meiner Haushaltung
tat, als habe er in seinem Leben kein Wort von dem alten Maler Sperling und den
beiden Puppenspielern gehört, ob ihm schon ersterer eine fast verlorne Erbschaft
und die andern ihre Befreiung von Tortur und Galgen zu verdanken hatten.
    Hochgepriesen sei mir sein
