 verflogne kleine
Geliebte Täubchen, das ich meine,
Aus seinem, in mein Federnest.
Dann, Lieber, lass im Mondenscheine
Die Girrenden für sich alleine
Und ende Dein Gedankenfest. -
Und nun dem Maler Preis, der bis zum höchsten Lichte
Das düsterste Gemäld' erhob,
Und dem unförmlichen Gesichte
Des Fortgangs meiner Zeit-Geschichte
Form, Kraft und Leben unterschob!
Der Tag kam in sein Gleis, der, wie es schien, vergebens
Dem Kreise des Gefühls entwich,
Kraft meines Federzugs, der in dem Gang des Lebens
Dem Faden Ariadnens glich.
Zog er denn nicht, o Freund, in Deinen Händen mich
Aus Schwindel und Gefahr? und ward denn nicht durch Dich,
O Meister in der Kunst des geistigen Verwebens!
Auch er das Zauberband, an dem mein zweites Ich
In leisen Schritten, jüngferlich
Mit allen Grazien des kindischen Erbebens
Zu meiner Kammer überschlich?
Umschlangen nicht an ihm nach langer Trennung sich
Zwei Herzen, voll so inniglich
Magnetischen Entgegenstrebens?
Gott, welch ein Schlaf! welch ein Gedankenstrich!
So sah der erste Mensch im ersten Traum sich wippen,
Und stieg und fiel bald hoch, bald tief,
Verlor in Dornen sich, stieß sich an Marmorklippen,
Und träumte von zerbrochnen Rippen,
Und wusste nicht, welch Glück er sich erschlief,
Bis ihn sein holdes Weib mit süssgespjetzten Lippen
Zum fröhlichen Versuch, sich munter dran zu nippen,
Aus den geträumten Dornen rief,
Und ihm - gleich dem Montblanc im Morgenperspectiv,
Zwei Schneegewölbe zeigt, an denen im Betippen,
Kein Finger bricht, gesetzt, er griff' auch noch so schief,
Und ihm, - auf die Gefahr für Wollust umzukippen,
Mit jenem Hauptjuwel, das nur ihr Schöpfungsbrief
Erraten lässt - entgegen lief.
    Ehe ich mich ganz von der holden Nachterscheinung entferne, die mit dem
letzten Pünktchen meines reichhaltigen Gedankenstrichs, schöner als ich sie, in
Wahrheit, geträumt habe, aber noch lange nicht so anschaulich hervortrat, als
Du, mein verständiger Freund und Leser, sie ausmalen wirst, muss ich Dir doch der
Vollständigkeit wegen die stille Betrachtung noch mitteilen, mit der ich heute,
ziemlich spät, mein Bette verließ. Der angeborene und treueste Freund
menschlicher Natur, besonders der meinigen, zischelte ich mir zu und rieb nur
die Augen munter, hat es doch diesmal wieder recht gut mit dir gemeint, aber
fast zu gut! Es ist nicht der erste Morgen, wo ich ihm diesen kleinen
freundschaftlichen Vorwurf zu machen habe. Ich bin in meinem Leben, das ist
gewiss, manchem widrigen Augenblicke, vielen Sorgen und Grillen, durch die
Vermittlung des Schlafs, wenn keine andere verfangen wollten, glücklich
entwischt; durch ihn wurden nicht selten meine brausenden Leidenschaften und die
harten Gegenreden meines Gewissens gemildert.
