 Schritt halten, zu lesen hatte. »Ja!« rief ich aus, »man muss betrunken,
sein, um einen Augenblick an der Tugend und Unschuld dieser Heiligen zu
zweifeln, und so ungleiche Absichten, als mir mein Gewissen vorwirft, darauf zu
bauen. Ich habe es verdient, vor ihrer Tür abgewiesen zu werden; denn ich bin
nicht wert über ihre Schwelle zu treten - nicht wert ihr nur die Schuhriemen -
geschweige sonst etwas aufzulösen, und das geringste der Kreuze zu verlöschen,
womit der Propst ihre Zugänge verwahrt hat.«
    Da ich nicht gewohnt bin, mich selbst zu schonen, sobald ich nur erst so
weit bin, mich in die Augen zu fassen, so ward ich auch diesmal so böse auf mich
selbst, dass ich mich gern vor jedem ehrlichen Manne an den Pranger gestellt
hätte, der mir die Wahrheit noch derber hätte sagen wollen, als ich es selbst
tat. Ich fühlte in dieser ärgerlichen Stunde die Entfernung von Dir, mein
Eduard, stärker als jemals, und wusste lange nichts an ihre Stelle zu setzen. Wie
aber die gütige Natur für gewöhnliche Übel auch die Mittel dagegen vorzüglich
gehäuft hat, und man zum Beispiele gegen einen bösen Hals, oder eine jede andere
Krankheit, welche schleunige Hilfe verlangt, die bewährtesten Recepte an allen
Zäunen und Hecken findet; so, glaube ich, ist in unserm aufgeklärten Zeitalter
kein Winkel der Erde mehr so verwildert, auf dem sich für eine kranke Seele
ihrem Bedürfnisse gemäß, nicht bald ein anhaltendes, bald ein abführendes
Mittel, auftreiben ließe. Wäre es Tag gewesen, so hätte ich freilich bei meinem
Freunde, dem Buchhändler, das Aussuchen gehabt; so aber musste ich mir zu helfen
suchen wie es gehen wollte, und das tat ich auch. Ich näherte mich zum
erstenmale der, zu der frommen Stiftung gehörigen, kleinen Bibliothek meines
Kabinets, sicher, dass ich hier eben so gewiss ein oder das andere moralische Buch
finden, als ich nicht umsonst nach Pimpernelle oder Klatschrosen ausgehen würde,
wenn ich eines Gurgelwassers benötigt wäre.
    Der erste Folioband, den ich heraus zog, den ich aber auch ehrlich genug
war, sogleich wieder an seinen Ort zu stellen, war Sanchez de matrimonio. Ich
griff auf besser Glück nach einem andern von mittlerem Format, und bekam die
Aphorismen des großen Emanuel Sa de dubio in die Hand.
    Das ist wahrscheinlich, sagte ich, so ein Buch, als du suchst, und setzte
mich damit an meinen Tisch. Ich hätte auch für mein gegenwärtiges Bedürfnis kein
besseres finden können. Auf allen Seiten strahlten mir die herrlichsten
Anweisungen entgegen, sich mit Ehren aus den schlüpfrigsten Händeln seines
Gewissens zu ziehen, und mit Hilfe kleiner artiger Distinktionen sich über alle
Fehltritte zu
