 werden kann, stehe ich auch mit Leib und Seele für ihre -
Unschuld. Aber, aber, mein Herr, wenn ihre Morgenbesuche anfangen seltener zu
werden - wenn sie gar aufhören - alsdann,« setzte der schlaue Kirchner leiser
hinzu, »weiß ich auch eben so gewiss, was die Glocke geschlagen hat. Sie
begreifen nun doch, wie einzig in ihrer Art eine solche Kenntnis ist, und wie
wohl die jungen Herren tun, die zum Ehe-Sakramente schreiten wollen, dass, ehe
sie sich mit ihrer Angelegenheit an den Bischof wenden, sie zuvor ein geheimes
Gutachten bei dem Kirchner einholen? Vielleicht ist bei keinem andern
öffentlichen Amte das Nützliche mit dem Angenehmen so fest verbunden, als bei
dem meinigen. Da es mich nötiget, wie eine Bildsäule, auf Einem Flecke stehen
zu bleiben - da jedermann gewiss ist, dass ich ihm Stand halten muss; so müssen
schon deswegen eine Menge Geschäfte an mich gelangen, die keinen Allfschub
vertragen; und das sind unstreitig immer die interessantesten. So bin ich nach
und nach, ohne Bemühung auf meiner Seite, von den geheimsten Anliegen der
hiesigen Einwohner unterrichtet worden - wirke jetzt auf den Sohn, wie ich auf
den Vater - auf die Tochter, wie ich auf die Mutter gewirkt habe - sehe mich,
wie die Orakel der Alten, in den Stand gesetzt, das allgemeine Zutrauen der
Familien zum Vorteile ihrer einzelnen Glieder zu nutzen - wie ein heimliches
Gericht, hier zu belohnen, dort zu bestrafen, manchen traulichen Wunsch des
einen mit der Erwartung des andern auszugleichen, und sonach, ganz in der
Stille, wie es einem Weisen geziemt, auf Welt und Nachwelt zu wirken. - Aber,
mein wertester Herr, was ist Ihnen? Siestehen ja in gar tiefen Gedanken!«
    »Halten Sie mir meine Zerstreuung zu Gute, lieber Herr Kirchner,« versetzte
ich; »aber eben ging mir eine sehr neugierige und zudringliche Frage durch den
Kopf, die ich« ...
    »Nicht das Herz habe mir vorzulegen?« fasste er selbst höflich meinen
Gebauten auf: »O, machen Sie mit mir keine Umstände! - Ich bin an allerlei
Fragen gewöhnt, und selten verlegen, darauf zu antworten.«
    »Nun so sagen Sie mir aufrichtig,« fuhr ich fort, »setzt denn wohl die
schöne Klara, die dort oben in der Stiftsgasse bei einer alten Tante wohnt, ihre
jugendlichen Wallfahrten bei diesem heiligen Grabe fort, oder ist sie auch schon
über Ihre petrarchischen Vorbereitungen hinaus, mit denen Sie der hiesigen
Jugend zu Hilfe kommen?«
    »Welch eine Verbindung von Ideen!« rief der Kirchner mit sichtbarer
Verwunderung. »Wie in aller Welt kommen Sie doch von meiner Mädchenprobe auf das
zerknirschte
