
war. Sie schreibt, dass er wirklich wieder in Kriegsdienste getretten wäre, und
dass er mir in der niedlichen Uniform gewiss mehr als vorher gefallen würde. Das
ist wohl eine böse Frau von D***! Nicht wahr, Fanny? -
                                                                         Amalie.
 
                                   LIX. Brief
                                   An Amalie
Liebstes, besstes Malchen! - Ich bin Dir zwo Antworten schuldig. Aber Du sollst
sie heute reichlich ersezt bekommen. Also zum Voraus zu deinem ersteren Briefe,
in welchem Du mir so treffende Klosterschilderungen lieferst: Du bist glücklich,
dass Du nicht unter die Klasse von armen Nonnen gehörst. Menschen, die sich mit
gesundem Körper begraben! - Menschen, die es wagen, aus Eigendünkel der
Schöpfung zu widersprechen! - Menschen, die aus Fantasterei ihren Leib kasteien,
und dabei ihre Seele zu Grunde richten! - Menschen, die dem Ewigen freventlich
ins Richteramt greifen! - Kurz, arme, bedaurungswürdige Menschen, die blind nach
Fesseln, nach ewiger Unzufriedenheit haschen! Möchte es doch jedem Monarchen
einfallen, Bande zu lösen, die unmöglich zur Seligkeit dienen können. Möchten
die Großen der Erde mit forschendem Blick hineinschleichen in die von Tränen der
Unzufriedenen feuchten Mauern des Klosterkerkers! - Möchten sie fühlen, möchten
sie hören, wie der wütende Gram so vieler Nonnen laut wimmert! - O dass eine
milde Hand diese nach Freiheit seufzenden Mädchen trösten und retten möchte! -
O, dass diese Hand rächen möchte die misbrauchten Rechte der Natur! - Dies, meine
Teuerste, sind gewiss die wärmsten Wünsche meines Innern! - Was nun die
Erziehung anbelangt, die in Klöstern gegeben wird, so ist es leicht zu
begreifen, dass sie die Kinder mehr verderbt, als bessert, Weiber, die aus
Vorurteil sich untereinander selbst martern, können unmöglich gute Menschen
bilden. Das leidige Vorurteil ist das Grab der Vernunft, der Tod der Tugend und
des guten Herzens. Man muss hell sehen, selbst empfinden und viel denken, wenn
man Kinder erziehen will. - Es erfodert den schärfsten Blick, die reifste
Überlegung und die richtigsten Kenntnisse der menschlichen Leidenschaften, die
in jedem Kinde verschieden wirken. Besonders sollten die Nonnen einen
mitleidigen, nachsichtsvollen Blick mehr auf mannbare Mädchen werfen, bei denen
sich der erste und heftigste Trieb der Liebe zu melden pflegt. Sie sollten sich
dieser jungen Mädchen Zutrauen zu erwerben suchen; dies wäre der einzige Weg,
sie durch eben diesen Trieb der Liebe sanft zu ihrer Pflicht zu führen. Aber wie
roh, wie unmenschlich, wie strenge werden von den Nonnen eben diese armen
Mädchen behandelt. Man bewacht ihre Handlungen, aber nicht ihre Begierden, man
droht ihren Leidenschaften, und macht die Liebe zum Eigensinn ausarten, man
kerkert sie ein, und zeigt ihnen dadurch den Weg zu heimlichen, frechen
Zusammenkünften
