. - Das Einförmige, die wenige Beschäftigung in
Klöstern nährt überhaupt alle Leidenschaften. Die Wünsche haben da mehr Macht in
den Herzen der Menschen zu toben, weil keine Hoffnung, diese Wünsche jemals zu
erfüllen, diese Macht hindert. Unzufriedenheit, nagende Schwermut ist das
Erbteil dieser unglücklichen Schlachtopfer. - Melankolie, Hypochondrie, sezt
sich in ihrem Busen fest, und wählt zum Gegenstand ihrer Nahrung, diese oder
jene Leidenschaft. Doch ist Liebe die allgemein herrschende Qual für solche arme
Mädchen. Sie opfern der Liebe oft im Stillen ihre Ruhe, ihre Gesundheit, ihre
Seligkeit auf, denn Verzweiflung ist gewöhnlich die Nachbarin der Sklaverei. -
Selbst die reinste, unerfahrenste Unschuld fühlt nicht so leicht Hang zum
Laster, aber doch Hang zur Liebe, zur Begattung. - Die größte Schwärmerei der
Religion ist nicht vermögend einen Trieb zu besänftigen, der so unwillkürlich
im menschlichen Körper wohnt. - Auch die größten Bigotten halten im Stillen
Liebe nicht für sträflich, und wenn sie über diese große Menschenbezwingerin
siegen, so ist es tief eingewurzeltes Vorurteil, Heuchelei, oder glückliches
Temperament. - Der Mensch hat da keinen freien Willen, wo die Natur ihr Recht
fodert: aber diese Natur nicht durch gesezwidrige Ausschweifungen zum Gegenstand
der Zügellosigkeit zu machen, dazu hat der Mensch vom Schöpfer freien Willen
erhalten. Jedes Mädchen hat doch wenigstens bisweilen einige Spuren der
urteilenden Vernunft in sich. Eben diese Spuren werden ihr in den Stunden der
Langweile laut ins Ohr rufen: Törin! - Die Natur hat Dich frei geschaffen, und
Du wagst es zu deiner eigenen ewigen innerlichen Qual, Dich von Unwissenden in
das Joch einer gezwungenen Enthaltsamkeit werfen zu lassen! Die Religion selbst
billigt Liebe, und zwischen Liebe und Laster ist ein grossmächtiger Unterschied.
- Die Klostermenschen versäumen immer die erstere, und haschen nach dem leztern.
Die Weltkinder hingegen vertauschen wahre Liebe mit Wollust, mit Sinnlichkeit.
Liebe hat ihre besondere Gesezze, und das ist eben nicht Liebe, was man ohne
Vereinigung der Moral, bloß zur Befriedigung der Begierden genießt. Wenn die
Nonnen von ihren Eltern den wahren, würdigen Gebrauch der Liebe gelernt hätten,
wenn sie gelernt hätten diesen Alles belebenden Trieb mit Vernunft, mit
Überlegung, ohne Absichten, bloß zur Seelenentzükkung zu genießen, welche Nonne
würde nicht über die Mauern hinaus ohne Sündenfurcht in die Arme der Liebe
springen? - Die Begriffe, die man diesen armen Kindern beibringt, gehen meistens
auf Unkosten der tugendhaften Liebe; man malt diesen unerfahrnen Mädchen
Ausschweifungen statt gemässigten Trieben vor, man zeigt ihnen Laster, statt
Tugend, in der wahren Liebe. - Man schreit über die böse Welt, und endlich
überrascht von solchen schwarzen Schilderungen, eilt das junge leichtgläubige
Mädchen hin zum Altar, und von diesem - in ewige Fesseln
