 sonst
wäre es unmöglich, dass er mit einem Herzen im Leibe so hätte gegen Dich handeln
können. Ich will Dir gerne glauben, meine Inniggeliebte, dass Dir dieser letzte
unvermutete Streich des gebrandmarkten Zutrauens bis in die Seele stürmte! -
Nichts ist grässlicher, als auf unsere Unkosten das Lasterhafte zu entdekken, wo
ein geheiligtes Ansehen uns für das Gegenteil bürgte. Falschheit, Mishandlung,
böses Herz, drükken den Verfolgten weit ärger, wenn sie unerwartet erscheinen.
Nun, meine Liebe, halte Dich indessen an jene Dame, die nun deine einzige
Beschüzzerin ist. - Wie entzükte mich der gütige Eifer des wakkern jungen
Fräuleins. - Unverdorbene Menschen müssen über die schwarzen Handlungen von
Bösewichtern brausen, weil es ihnen schwer fällt, fremdes Laster zu dulden,
wovon ihr eigenes Herz so rein ist. Wie beschämend ist die Moral eines so jungen
Mädchens für einen Mann, der nach seinem Berufe eben diese Moral Andern predigen
sollte. Wenn dieser Verdorbene diese Stimme der Warnung fühlen könnte, wenn er
merken wollte, dass ihm der Himmel eben durch die Moral dieses Fräuleins Besserung
zuruft! - Aber wie kann er es fühlen, wie kann er es merken, wenn die Gewohnheit
schon die Gewissensbisse übertäubt hat? - Doch überlassen wir ihn der ängstlichen
Stunde des Todes, da mag er dann ringen um die gränzenlose Barmherzigkeit, die
der gütige Schöpfer Keinem versagt, wenn er sein Laster wahrhaft bereuet.
Übrigens, meine Liebe, sind die wenigen Wohltaten, die Du bei dieser Familie
geniessest, nur so lang Wohltaten, bis sie dein Oheim bezahlt, welches denn auch
geschehen wird. Geniesse sie also nicht mit so großer Zaghaftigkeit, Du möchtest
dadurch dem unartigen Hausherrn zum Argwohn Anlass geben, eh es Zeit ist. -
Heitere Dich auf, Amalie, noch ist keine nahe Gefahr, dass Du Dich mit
Handarbeiten abgeben musst. - Du wirst sehen, dass die Hilfe am nächsten, wenn das
Unglück am größten ist. Und nun ein Kuss von deiner teilnehmenden
                                                                          Fanny.
 
                                   LII. Brief
                                    An Fanny
Heute, meine gütige Fanny, kann ich Dir schon etwas Mehreres von meinem Schicksal
sagen. Der liebe Oheim will in Zukunft für meinen Unterhalt sorgen. Doch
wünschte er mich in dem stillen Aufenthalt eines Klosters zu sehen. Ich bin
seinem Wunsche gar nicht entgegen; mich verlangt selbst nach Einsamkeit, nach
Ruhe. Nur fürchte ich, dass die Stille des Klosters zu stark auf meinen lebhaften
Geist wirken wird, und dass sich meine Leidenschaften erst dann zu empören
anfangen werden, wenn der Mangel an Freiheit sie aufwekt. Dieser Aufenthalt wird
mir Anfangs ein Grab scheinen, wo man leblos den Freuden der Natur entsagt, und
sich der Schöpfung nur verstohlner Weise in den traurigen Winkeln der Zellen
freuen darf. Nie
