 kolerisch zu werden. An deinem
Feuer gienge ein Mann verloren, Du würdest aus Liebe zur Rechtschaffenheit
manchem lokkern Buben die Hölle warm gemacht haben. - Doch nun zur Beantwortung
deines leztern Briefs, den Du sicher nicht mit gesunder Vernunft schriebst! -
Aber Liebe und Güte seien allein meine Wegweiserinnen zu deinem gepressten
Herzen, zu diesem Herzen, dessen Leiden einen großen Teil seiner Veredlung
ausmachen. - Du bist eine duldende Streiterin für das unsterbliche Wohl deiner
Seele, und nie wirst Du es wagen über unsere sterbliche Hülle zu murren, die
nach einem schnell hineilenden Traume des Lebens sich von selbst losreisst! -
Lass, meine Traute, deinen Geist nicht bis zur Schwachheit heruntersinken, er ist
zu großen Opfern bestimmt, und schimmert erst alsdann mit wahrem Glanz, wenn ihn
keine gemeine Tugend adelt. So, meine Amalie, kenn' ich den Wert deiner
Seelenstärke, und so, meine Freundin, wollen wir einst eng aneinander geschlossen
hin zum barmherzigen Richter, wenn dieser Richter endlich die Fesseln der
rebellischen Menschheit von uns lösst. Sanfte, gute Seele, kniee hin vor den
allmächtigen Tröster der Unglücklichen, ruf ihm deine Leiden mit warmer, feuriger
Zuversicht zu, lass sie ausbrechen, die lindernden Seufzer der Wehmut; weine
laut, weine so lange, bis es Dir leichter wird! - Denn der gütige Vater im
Himmel lässt auch nicht eine Träne unvergolten! - Ich weis es recht gut, dass der
Schwermütige bei der kalten alltäglichen Moral nur noch schwermütiger wird,
dass er seinen eignen, den verrükten Sinnen angemessnen Ton haben will, wenn er
von dem schaudernden Scheideweg unverlezt zurückkehren soll, der zwischen seinem
verhassten Dasein und dem Tode liegt. - Der Selbstmord könnte ganz gewiss öfter
verhütet werden, wenn Menschen für Menschen aufmerksamer, vernünftiger und
sanfter handelten. Derjenige, welcher am meisten denkt und nachsinnt, nährt auch
diese Krankheit am meisten in seinem Körper, und gesellt sich dann die
hinreissende Wirkung eines gallsüchtigen Temperaments noch dazu, so wird sie zur
gefährlichen Hypochondrie, deren Folgen oft durch Lebhaftigkeit des Temperaments
die gefährlichsten sind! - Fast überall wirket die Sorgfalt der Ärzte in jeder
andern Krankheit zur Ehre ihrer Kunst; aber in dieser Art Krankheit sind noch
wenig ausgezeichnete Kuren gemacht worden. So viele Ärzte kennen nicht einmal
das heimlich schleichende Gift der innern Schwermut, und werfen dabei keinen
Blick in die stille Seelenkrankheit, die beim ruhigsten Puls um sich frisst und
manchmal plötzlich den Faden des Lebens abreisst, eh sichs der Arzt versieht. -
Ich fodere durchaus, dass ein Arzt ein vorzüglicher Menschenkenner sein muss. -
Ich fodere, dass er die Teile der verschiedenen Leidenschaften bei jeder Gattung
von Krankheiten genau kennen muss. - Ich fodere, dass er die verschiedenen Grade
der Reizbarkeit der Nerven zu
