 erwachen! Heulend lief ich
zum Richter, foderte meine Schwester; aber seine Fühllosigkeit ging so weit,
dass er sie in den Händen dieses Mannes für besser versorgt hielt, als in den
meinigen, indem er mir meine Jugend und meine wenige Erfahrung vorwarf. Gebeugt
bis zum Unsinn kehrte ich jammernd in meine Wohnung zurück, und nun mag der
Menschenvater aus mir machen, was er will, ich bin meiner nicht mehr Meister!!!
- Deine bitterweinende
                                                                         Amalie.
 
                                  XLII. Brief
                                    An Fanny
Ich zittre, liebe Freundin, Dir die Verstimmung meiner Seele zu entdekken; sie
ist nur allein mir begreiflich, an jedem andern Kaltblütigern glitscht sie ab...
muss abglitschen! - Eine fürchterliche Kleinmut, ein feuriges Sehnen nach
Auflösung, kühne, wollüstige Reize, die nach glücklichern Gegenden verlangen,
setzen meine grässlich arbeitende Phantasie in Bewegung. Die Angst des Todes
scheint sich von mir zu entfernen und der Gedanke meiner Rettung tritt
verführerisch lokkend an ihre Stelle. Die Religion allein hält noch die
schwachen Bande, da es bloß eines mutigern Augenbliks bedürfte, um sie zu
zerreißen! - Der Selbstmord ist nicht immer Zagheit der schwachen Seele, er ist
nur gar zu oft ein Rätsel, das in dem ewigen Kaos verborgen liegt. - Jemehr die
Einbildungskraft feurigen Schwung hat, jemehr naht sie sich jener unglücklichen
Sphäre, wo die Vernunft vom Gram übertäubt, nicht mehr mächtig genug ist, dem
Sturm zu gebieten. Der Schwermütige sieht hoffnungslos dem Labyrinthe seines
Elends entgegen, träumt sich in einer andern Welt bessere Zeiten und nährt den
lindernden Gedanken einer augenbliklichen Zernichtung so lange in seinem
jammernden Busen, bis der schwindelnde Kopf sich vergisst - und den innerlich
tobenden Leidenschaften zum Ausbruch den Weg öffnet! - Der Hang zur Schwermut
liegt bei vielen Menschen im Temperamente, nur wird er durch Nachsinnen und
durch harte Schiksale mehr in einem Herzen genährt, dass sich von allen Seiten
gepeitscht, zerfleischt, und getretten sieht. - Der heimliche Wurm, der im
Innern frisst, ist dem Gesunden, dem Nichtschwermütigen so fremd, als dem
Schwermütigen die Freuden sind, die von seinen stumpfen, kranken Nerven
zurückprellen. - O wenn nur kein diknerviges Menschengeschöpf diesen Brief
einstens zu lesen bekommt, die Empfindung darin würde mich noch in der Ewigkeit
reuen! - Es gibt leere Köpfe genug, die den Zustand eines Schwermütigen nicht
fassen können; - die es sogar wagen über solche Unglückliche zu spotten. - Mir
sind diese Art Märtirer ihrer Leidenschaften, ihres feinen Gefühls nicht neu. -
Verrükkung der Sinnen ist ja eine Krankheit, die man so häufig in der so vielen
Gebrechen unterworfenen Menschheit erblikt. - Und braucht es denn mehr, als
einen Augenblick Verrükkung um einen Selbstmord zu begehen und dem kochenden
Blute Luft zu machen
