 Dir so lange geweint, bis es Dir leichter
wird ums kranke Gemüt. - Du mildes, gutes Geschöpf! - Mit welcher Engelsgüte
sprichst Du von dem Wohl deiner Schwester! Er wird deine Seufzer hören, der
mächtige Vater der Waisen, er wird sie aufzeichnen ins Buch der Ewigkeit, die
Güte deines unverbesserlichen Herzens! Wenn deine Schwester das Ebenbild deiner
Güte wird, so seid ihr zwei Mädchen, die der Schöpfung zur Ehre ihr Dasein
erhielten. Ich will Dir nicht schmeicheln, aber innigst gerührt über den
großmütigen Zug deiner Sorgfalt wegen der Erziehung deiner noch unmündigen
Schwester, möchte ich es die ganze Welt wissen lassen, was Du für ein Mädchen
bist! - Vortrefliche Freundin! - Die schönste Gabe Gottes ist dein Herz, ein
Geschenk, worinnen für Dich und Andere tausendfaches Wohl liegt! - Wohl für
Andere, weil es sich so gränzenlos mitteilt, aber auch Weh für Dich, weil es zu
unaussprechlich tief fühlt! - Bei dem festen Band unserer Freundschaft beschwöre
ich Dich, verkürze die Tage deines Lebens nicht durch übermäßigen Gram! Lerne
Dich selbst schonen um deines bessten Oheims, um meinetwillen! - Die Stunden
unsers Traums sind so kurz, und warum willst Du in der Blüte deiner Jahre mit
gewaltsamer Hand ihren Lauf hemmen? - Deine Schwermut ist Dir zur Wollust
geworden, ich gönne sie Dir gerne, diese Schmeichlerin des leidenschaftlichen
Tiefsinns, ich selbst opfere dieser Göttin der denkenden Leiden oft genug mit
blutendem Herzen, aber nur überlasse Du Dich nicht zu viel dem schmeichelnden
Gifte, das deine Gesundheit untergräbt. - Ich kann zwar die allzu lustigen
Mädchen auch nicht leiden, denn ihr Leichtsinn macht ihre Seele stumpf und
verjagt jedes Gefühl, was zum ernstaftern Glükke der Menschheit beiträgt. -
Eine zum stillen Leiden gewöhnte Seele ist allen Eindrükken der Tugend offen,
nur muss Wiz und Laune bei einem ganz liebenswürdigen Mädchen durch eigne
Überlegung die Wunde der Schwermut zuweilen ausheilen, die durch die Kenntnis
des menschlichen Elends in ihr ist aufgerissen worden. Dein Oheim in S... G.....
ist das, wozu ihn der Eigennutz umschuf; das abscheulichste aller Laster! - Ein
Laster, das alle andere überwägt und den Menschen zur grässlichsten
Harterzigkeit verleitet. Siehst Du nun, meine Liebe, die gute Mutter Natur hat
Schatten ins Licht geworfen, da sie ihn und seinen herrlichen Bruder schuf,
damit der Leztere das in der Religion verherrliche, was der Andere, der
gleichfalls ihr Beschüzzer sein sollte, an ihr versäumte. Die Priester sind
Menschen wie wir, und hangen, was ihren moralischen Charakter betrifft, von der
Erziehung, vom Beispiel und von ihren Leidenschaften ab, die nur darum auf
Unkosten ihrer Nebenmenschen gehen, weil man so wenig Priester in ihrer Jugend
