 alter Leute, der in
Andächtelei und pedantischer Moral besteht. Die Tochter aber lebt schon auf
einem aufgeklärteren Fuß, und liebt mich eben so herzlich als ich sie. Wir
schäkkern und lesen oft zusammen und schwazzen überdies von unsern kleinen
Liebeshistörchen. Leztin erlaubte uns Frau Mama, nach vielen Bitten, das
Schauspielhaus zu besuchen. Für mich war's ganz was Neues; denn in meinem Leben
hatte ich noch kein Schauspiel gesehen. Wie stark aber dieses erste auf meine
Nerven wirkte, kann ich Dir nicht sagen. - - Ich weinte... staunte... fühlte...
und das Bild der Liebe, das darin erschien, riss mich bis zum Entzükken hin! -
Ich habe die Tage meines Lebens keine Unterhaltung gefunden, die für mich mehr
zur Leidenschaft werden könnte, als eben diese. Als wir beiden Mädchen wieder zu
Hause waren, sprach ich den ganzen Abend durch kein Wort, aß nichts, und träumte
unaufhörlich von dem, was ich gesehen hatte. Die Vorstellung war ein
Trauerspiel, Romeo und Julie genannt. Ob die Schauspieler gut spielten, kann ich
Dir nicht sagen, weil meine Kenntnis in diesem Fache noch klein ist. Aber so
viel weis ich, dass mir die Liebe des guten, liebevollen Romeo äußerst ins Herz
drang, und dass ich vollkommen das ängstliche, ungeduldige Sehnen und Warten der
Julie mitfühlte, wenn sie voll Liebe und Wollust, voll Furcht und Zärtlichkeit,
bange nach ihrem Geliebten seufzt! - Unter so vielen unangenehmen Dingen, denen
die Menschen unterworfen sind, deucht mich für einen feurig, ungeduldig
wünschenden Kopf das Warten das allergrausamste. Wie schröklich mag es wohl erst
für Verliebte sein, wenn furchtsame Phantasien ihre Augenblicke zu Jahrhunderten
schaffen! Ich muss jetzt von dem Artikel der Liebe abbrechen, sonst würde er zu
sehr auf mein Herz wirken; und nun zu einigen Stellen deines Briefs gerükt!
Deine Äußerung, dass die Not so viel Unheil unter den Menschen stiftet,
erfüllte mich mit Traurigkeit. Bald hätte ich Lust mit Dir die Einrichtungen in
der Welt zu verwünschen, welche die Menschen aus Eigennutz erfunden haben. Die
Natur fodert doch so wenig, und gibt uns alles, was wir am nötigsten brauchen.
Hätte sich nicht Politik und Herrschsucht unter uns eingeschlichen, so wüsste man
nichts vom Reichtum, nichts vom Vorzug, nichts von überflüssigen Wünschen; aber
so müssen die Menschen gleichsam in einer Kette durcheinander geschlungen leben,
wovon dem einen ein großes Stük, dem andern aber gar nichts zu Teil wird. - Und
hat denn der Arme, der vom gleichen Stoff, wie der Reiche, geschaffen ist, nicht
Ursache sich zu beklagen? - Was kann er dafür, dass ihm seine Eltern in einem
Augenblicke des Vergnügens sein
