 wenn er nur täglich seine
Kapuzinersuppe genießt. Aber gibt es nicht noch tausend andere Klassen von
Menschen, denen sogar diese armselige Suppe versagt ist? - Gibt es nicht Winkel
der Erde, wo Schande, Gefühl, Mangel und Verzweiflung an den Herzen der
Notleidenden nagt? - Findet man nicht oft in den finstersten Löchern arme
Familien aufs Stroh hingestrekt, die von ihrem Kummer sich nähren, ihren Durst
mit eignen Tränen stillen, und dem Zufall fluchen, dass er seine Reichtümer
bloß an harterzige Teufel verschwendet hat? - Keine Tugend ist seltener als
Menschenfreundlichkeit, und keine wird so wenig geübt, als eben diese. Der
Reiche pralt mit diesem herrlichsten Gefühle der Schöpfung, und kennt es nicht,
will es nicht kennen, oder wendet dieses Gefühl gerade nicht da an, wo er dazu
aufgefodert wird. Der wahre Menschenfreund muss geizig jeden Anlass suchen, die
Tränen der Notleidenden zu stillen; er muss Gefühl, gutes Herz,
Menschenkenntnis besizzen, er muss vom Vorurteil frei, ohne Rüksicht auf Stand
oder Person, das Elend oder die gekränkte Ehre untersuchen, er muss sich vor der
ganzen Welt nicht schämen einen zerfezten Elenden an seinem Arm zu führen, wenn
er in ihm das gelungene Meisterstük der Schöpfung entdekt hat. - Er muss stolz
auf eine solche Handlung sein, weil sie ihn vom gemeinen Trosse wie einen Gott
unterscheidet. Er muss selbst dem Spötter kaltblütig den Rükken zeigen, und sich
größer dünken als der tapferste Krieger, der sich durch seine Mordsucht adelt.
Er muss im vollen Verstand gut gegen sein Mitgeschöpf sein und das nur für Zufall
ansehen, dass er reicher als sein Nebenmensch ist; auch muss er seine Wohltaten
bescheiden und mit der feinsten, sanftesten Kunst austeilen, sonst martert er
das fühlende Herz eines Unglücklichen weit ärger, als ihn der langsam verzehrende
Mangel mordete! - Elend ohne Zeugen ist für den Denkenden schwer, aber Elend mit
Zeugen ist noch schwerer, besonders für Den, der nicht Vernunft genug hat, sich
auch in der Armut erhaben zu fühlen und den übel ausgeteilten Durcheinander
für weiter nichts als Kaos anzusehen. Wenn Du länger in der Welt lebst, meine
Liebe, wirst Du noch viele solche dürftige Geschöpfe finden, die aus Mangel an
Nahrung mit ihrem Körper Gewerb treiben müssen, doch gibt es mehrere dergleichen
Mädchen, die aus Liebe zum Puz, aus Hang zum Wohlleben, aus Gewohnheit und
Übertäubung, aus Faulheit und Unverschämtheit, aus Mangel an richtigem Gefühl
und Erziehung, sich im Lasterleben fortwälzen, bis zu gewissen einsamen Stunden,
wo der Ekkel der Natur in diesen Elenden aufwacht und ihr Inneres weit ärger
martert, weit ärger zerreißt, als Reue über ihre Sünden, deren sie aus
Verzweiflung, aus Abscheu gegen sich selbst, keiner mehr fähig sind
