 ferner leiten werde. Ich bin in der Tat froh,
wenn Du von deinem schwärmenden jungen Vetter wegkömmst; der würde Dir den Kopf
vollends verrükken. Empfindelei und wahres Gefühl sind zwei verschiedene Dinge;
das erstere ist schädlich, das leztere für die Menschheit rühmlich. Dass man Dich
in dem Hause, worein Du bestimmt bist, lieb haben wird, dafür ist mir nicht
bange, denn Du hast eine Art von gutem Willen an Dir, der Jedermann an sich
reißt. - Die Stadt, worein du kommst, ist groß und folglich mit mehreren
Verführern angefüllt; Du weist, was ich sagen will, und dessen magst Du Dich
erinnern, wenn es nötig sein wird. Schreibe deinem lieben Vater oft, damit er
nicht Anlass bekommt, über Dich zu murren. - Sei rechtschaffen, liebenswürdig und
bescheiden, wenn Du deiner Fanny Freude machen willst.
 
                                 XXXIII. Brief
                                    An Fanny
Vor allem, Fanny, muss ich Dir den ersten Saz deines Briefs beantworten. Ist es
wohl meine Schuld, wenn sich eine Art avantürischer Hang in meiner Einbildung
festgesezt hat? - Mich deucht, jeder Mensch reitet sein Stekkenpferd, und das
ist nun gerade das meinige. Ich würde diesen Hang ganz unterdrükken lernen, wenn
mich nicht mein abwechselndes Schicksal darin bestärkte. Wäre ich zu einem
ruhigen, einfachen Leben bestimmt, so würde sich mein flüchtiger Geist nach und
nach legen, so aber wird er durchs Reisen und durch die vielen unwillkührlichen
Abänderungen genährt. Wenn meine Ahndung wahr spricht, so wartet auf mich eine
gewaltig unruhige Zukunft. Wer nicht Meister über seine ökonomischen Umstände
ist, der muss sich in der Welt wie ein Ball herumwerfen lassen; und dann bei
solchen Lagen, wohl dem Mädchen, das Grundsäzze hat! Dass es so viele böse
Menschen in der Welt gibt, habe ich, wie mich dünkt, schon bemerkt; es wird
Unglück genug für mich sein, wenn ich in der großen Welt die wenigen guten eben
nicht finde. Ob ich nun meine Schiksale gelassen und vernünftig durchwandern
werde - das weis Gott; aber dass meine Schwachheiten nicht zu Bosheiten ausarten
sollen, dafür steh ich. - Dann müsste mich alles Gefühl meiner Erziehung
verlassen haben, und der Gedanke an eine Freundin nicht mehr in meinem Herzen
wohnen, die so nachsichtsvoll mich von jedem Irrwege zurückrufen würde. Mein
phantasirender Vetter schreibt mir jetzt eben so phantasirende Briefe, und ich
gesteh es, seine Schwärmerei ist für mich anstekkend. - Ich bin nun schon einige
Wochen hier; der Abschied von meinem Vater war mir diesmal äußerst drükkend; ich
weinte bitter, und doch riss mich die Notwendigkeit von den Meinigen weg;
Notwendigkeit ist ein grässlicher Tirann unter den Menschen, sie trennt die
bessten Geschöpfe. - Ich stieg so traurig
