 Theater-Talenten der ganzen hiesigen
Gesellschaft schildern. Ich habe sie schon alle spielen gesehen, und Madame
K.... soll mir zum Anfang dienen. -
    Aus direktrisischer Eitelkeit spielt diese Frau alle Rollen, die ihr
gefallen, sie mögen ihr passen oder nicht. - Ihr eigentliches Fach wäre naive
Mädchen und Soubretten. - Bliebe sie dabei, so könnte ihr kein Kenner seinen
Beifall versagen, den er ihr unstreitig in Trauerspiel-Heldinnen versagen muss. -
Sie besizt weder Brust, noch Kraft, noch Organen zu einer feurigen
Trauerspiel-Heldin. - Selten errät sie den Sinn des Dichters, und noch seltener
die Natur einer Situazion. - Alle Rollen von dieser Art werden von ihr
durchgeheult, durchgeschluchzt, und durchgrimassiert. - Man möchte bei ihrem
unausstehlichen Geraunz, womit sie vom Anfange bis zum Ende die Ohren der
Zuschauer martert, davon laufen. - Diese Einförmigkeit der Deklamazion beweist,
dass sie solche Rollen ohne Kenntnis spielt. - Ihr Bischen Gefühl, das nur von
Zeit zu Zeit hervorblikt, liegt in dem Bau ihrer Nerven, und ihr Herz kann
unmöglich Teil daran haben, sonst wäre sie nicht aufgelegt, in der Zwischenzeit
hinter den Kulissen die ausgelassensten Schäkkereien zu treiben. - Eine
entusiastische Schauspielerin, die mit gerührtem Herzen spielt - und deren
Seele Anteil an dem Spiel nimmt, kann da, wo die Leidenschaften in der
feurigsten Gährung sind, keiner entgegengesezten Zerstreuungen fähig sein -
sonst ist sie nicht gute Schauspielerin - aber wohl eine bezahlte Komödiantin,
die dem Publikum Scheingefühl auftischt. - Genug hievon! -
    Nun zur Madame E..., die sich ebenmässig von einer unerhörten Rollenwut
beherrschen lässt, da sie doch den wenigsten gewachsen ist. - Das muss man ihr
indessen nachsagen: sie spielt ihre Koketten mit einer Gewisheit, mit einer
Übung, mit einer Frechheit, mit einer kalten Fühllosigkeit, mit einer
verschmizten Bosheit, mit einem heuchlerischen Eigennutz, mit einer künstlichen
Eroberungs-Sucht, mit einem gebrandmarkten Herzen, so gut als man es nur von der
Natur eines solchen Karakters fodern kann. - Auch einige karakterisirte
Konversazions-Rollen geraten ihr. Besonders wenn Verstellung, Stolz, oder Neid
darinnen liegt. - Hingegen verhunzt sie in allen gutartigen Rollen jede einzelne
Stelle, die Gefühl ausdrükt; in Trauerspielen ist sie ganz und gar nicht zum
Ansehen, noch zum Anhören. - Jede moralische Empfindung der Liebe oder Tugend
wird von ihr so steif, so anteillos, so unempfunden dahergesagt, dass es Jammer
und Schade für die gefühlvollen Arbeiten eines Autors ist, wenn sie in ihre
Hände fallen. - Ihre Deklamazion in Trauerspielen besteht aus hunderterlei
singenden Mistönen, wobei ihr in den Hauptaffekten das moralische Gefühl und
ihre schwache Brust jeden Dienst zur richtigen Vorstellung versagen.
