, diese Himmelsgabe an uns
Weibern zu ihrem Vorteil zu nüzzen. - Was nun den Dichter eines Romans betrifft,
so will ich Dir sagen; dieser muss seine Heldin engelrein schildern, um zu
beweisen, dass er bloß als Dichter - und nicht als Mensch schreibt. - In so
vielen Duzzend Romanen erscheinen die meisten Heldinnen mit Larven; was
darhinter stekt, muss sich der Vernünftige selbst denken, denn die Fälle in der
Welt sind zu verschieden und die wenigsten originell geschildert. - Wäre der
Stoff des Dichters immer Original, so würde die Welt voll von unschuldigen
Mädchen strozzen. - Dergleichen gute Beispiele sollen nun freilich zur guten
Nachahmung führen, sie würden auch ihren Zwek erreichen, wenn ihr Verfasser
nicht über die Menschheit hinausschwärmte, und nicht unnachahmlich wäre. Wir
wissen ja, dass es in der Natur des Menschen liegt, Fehler zu begehen; warum
wollen wir sie verleugnen? Und findet man auch zuweilen einige seltene Menschen
in der Welt, die beinahe völlig Herren über ihre Sinnen sind, so können doch
diese einzelne nicht zum Beweis für viele hundert schwächere dienen, worunter
der Hauptteil von gröbern Empfindungen, bloß zur Einschränkung ihrer Begierden,
nicht aber zu Heldenzügen von gänzlicher Enthaltsamkeit, Anlage in sich fühlt. -
Zur Ausübung einer geistigen Schwärmerei gehören ganz eigne Köpfe; bisweilen
finden sich solche gleichgesinnte Entusiasten: Furcht - Neuheit der Liebe -
Stolz - Blödigkeit - gegenseitige Schamhaftigkeit und Ehrfurcht schrökken die
wärmsten Begierden zurück, ob aber dies reine platonische Feuer nach mehreren
Jahren von Umgang rein bleibt? - Diese Frage beantworte ich mir ganz still in
mein eigenes Ohr, und für Dich junges Mädchen mags so lang ein Geheimnis bleiben,
bis Du mir einstens selbst die Frage bejahest oder verneinest. - Liebe, traute
Kleine! - Sei während deiner Unerfahrenheit geizig auf die Ruhe deiner Seele und
die Reinheit deines Körpers, die Stunden sind selig so lang der leztere
schweigt. Tobende Leidenschaft möge Dich nie quälen! das ist der aufrichtigste
Wunsch
                                                                   Deiner Fanny.
 
                                   XXI. Brief
                                Amalie an Fanny
Nun ists entschieden, meine liebe Fanny! - Die Eifersucht meiner Base wurde mir
unausstehlich! - Ich verlies dieses Haus, ging zu einer andern Verwandtin, und
nun endlich gar von dem nämlichen Orte weg. - Auch erhältst Du jetzt diesen Brief
aus dem Hause meines Oheims von mütterlicher Seite, der in L*** wohnt. Auch
dessen Weib, ist eine von den Alltagsseelen, die man so häufig gerade unter
Blutsverwandten findet. Sie empfing mich mit einer stolzen Fühllosigkeit, die
mich beim ersten Eintritt zurückgeschrökt hätte, wenn mir nicht meine gute
Großmutter desto zärtlicher um den Hals gefallen wäre. Die arme alte Frau! - Wie
dauert sie mich! Sie hatte die gutherzige Unbesonnenheit, ihr ganzes Vermögen
ihrem Sohne und seiner
