 entusiastischer Eifer für die
Richtigkeit der Schauspielkunst macht ihn freilich manchmal ein Bischen hizzig,
aber nicht pöbelhaft, wie es seine Feinde vorgeben. - Ich gedenke mich recht gut
in seine Anführung zu schikken, und verehre seine Kenntnisse mit inniger
Zufriedenheit.
    Und nun, liebe Fanny, küsse mir deinen Karl, und danke ihm in meinem Namen
für seine Sorgfalt!
    
                                                     Deine Dich liebende Amalie.
 
                                 CXXIII. Brief
                                    An Fanny
Zürne doch nicht, liebes Fannchen, dass ich Dir einige Monate gar nicht schrieb.
Mein Direktor überhäufte mich seither mit einer Menge Rollen. - Sein Weibchen
ist nahe an ihrer Niederkunft, und mich trift es izt, ihre Rollen ganz allein zu
spielen. Es bleibt mir außer meinen Berufsgeschäften kaum so viel Zeit übrig,
zuweilen ein kleines Briefchen an meinen Oheim zu verfertigen. Übrigens lebe
ich recht zufrieden. Das Publikum ist mir hold; der Direktor behandelt mich gut;
was will ich also mehr? - Nur ein einzigesmal überraschte mich sein gewöhnlicher
Eifer für die Kunst etwas feuriger als sonst, bei einer Probe; der gute Mann
kannte mein zu weiches Herz nicht, und wurde erst nach der Hand überzeugt, dass
seine rasche Zurechtweisung mich im Spielen noch blöder machte. - Ich nährte
dadurch heimliches Mistrauen gegen mich selbst, und Zagheit bemeisterte sich
meiner während meines Spiels; nur seine sanftere Leitungsart rief mich wieder in
das Geleise zurück, woraus mich eine gewisse bange Furcht gebracht hatte. - Er
sah wohl ein, dass es für meinen Kopf und mein Gefühl nur des kleinsten Winkes
bedürfe, um mich nach seinem Willen abzurichten. - Der Mann besizt
außerordentlich viele Kenntnisse, dringt mit seinem Fleiß bis ins Innerste der
Kunst, und ich bin stolz darauf, Seippens Schülerin zu sein! - Es ist
unbegreiflich, was er sich mit einigen beinahe unbrauchbaren Mitgliedern unserer
Gesellschaft für Mühe gibt, um sie zu belehren; er hält ordentliche Schulen,
gießt ihnen die Rollen so zu sagen ein, studiert den Hang eines Jeden, gibt ihm
angemessene Rollen; alle unter seiner Gesellschaft stehen an ihren rechten
Pläzzen; da erblikt man keine Spur von Parteilichkeit. So oft das Schauspiel zu
Ende ist, tritt er unter die Schauspieler hinein, sagt einem jeden sein und auch
des Publikums Urteil mit biederer Wahrheit ins Gesicht. - Leztin kam die Reihe
zuerst an mich. - »Madame! (sagte er.) Mit Ihnen ist man durchaus zufrieden, bis
auf die wenige Schüchternheit, die ihre Stimme unterdrükt, und sie etwas
unverständlich macht.« - »Und Sie, Mademoiselle! - (sagte er zu einer andern)
Sie haben in ihrem Kammermädchen durch Ihre unbescheidene Manieren bloß dem
Pöbel gefallen, u.s.w.«
    Ist so ein Vorsteher nicht zu verehren?
