 ich ihre Triebe für unbezwinglich hielte. - Ich glaube zwar gerne,
dass einige Mädchen von gelindem Temperamente, gewisse Jugendjahre rein
platonisch durchwandern; nur ahndet mir, (ob mich meine Ahndung betrügt, weis
ich nicht) dass der dümmere Teil strauchelt, noch eh er Hymens Brautbett
besteigt. Ein Mädchen, das nicht denkt, kann ihren Sinnen ja keine Überlegung
entgegensetzen. - Der Vernunft einiger Romandichter muss es also sehr sauer
ankommen, wenn sie durchaus alle Mädchen bloß schimärisch engelrein in Romanen
handeln lassen. - Mir scheint, dergleichen Bücher bilden aus jungen Leuten
Fantasten, und dienen dem Menschenkenner zum Gespötte. - Du wirst mir sagen, ob
mein Schluss richtig ist. - Wäre es denn nicht besser, die jungen Mädchen durch
eine wahre Schilderung der Welt von Irrwegen abzuhalten, als durch eine
erdichtete Romanenmoral ihre Einbildung bis zur Engelssphäre zu spannen, damit
sie noch tiefer fallen, wenn ein empfindsamer Schurke an ihrer Seite seine Rolle
gut zu spielen weis? - Ich meines Teils würde nicht halb so neugierig sein;
wenn ich ganz wüsste, wie es in der Welt zugeht, und was allenfalls das
Verhältnis der menschlichen Kräfte nicht überstiege. - Nicht wahr, Freundin,
eine allerliebste Anmerkung, für so ein junges Ding von meiner Art? - Je nun!
Bin ich denn nicht alt genug, um über eine Sache zu plaudern, die alle, durchaus
alle Mädchen von Fleisch und Blut angeht. - Also nichts für ungut! Und nun gute
Nacht von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                   XX. Brief
                                   An Amalie
Vortrefliches Mädchen! - Du räsonnirst ziemlich deutsch über einen für euch
junge Mädchen so gefährlichen Punkt. - Doch das Mehrere hierüber hernach. - Für
jetzt wünsche ich Dir Geduld, bis dein verworrener Handel mit deinem Vormund zu
Ende geht. Indessen tröste Dich, Teure! - Es gibt ja doch noch viele gute
Menschen in der Welt, leider, dass eben die meisten davon unglücklich sind, und
sich aus eigenem Elend ihren Mitmenschen nicht bemerkt machen können. Aber nun
rate ich Dir, Mädchen, mache Dich von deinem dringenden Verführer bald los; wir
sind Menschen, und eh wir es uns versehen, fühlen wir es nur zu sehr, dass wir es
sind. - Gegen unsere Sinnen lässt sichs weder tändeln, noch trozzen; das erstere
ist gefährlich, und das leztere lächerlich. - Wohl Dir! Meine Liebe, wenn deine
Eimpfindung noch lange unentwikkelt bleibt, sonst würdest Du vielleicht zu bald
erfahren, wie schwach wir alle sind. Du kennst Dich selbst und unser Geschlecht
zu wenig, wir haben so reizbare Nerven, so feurige Sinnen, eine so baufällige
Vernunft und können so leicht überrascht werden, wäre es auch bloß aus
Gutherzigkeit. - Viele Männer sind undankbar genug
