 gewiss.
 
                                   XIX. Brief
                                    An Fanny
O, meine Besste! - Ich bin ganz außer mir! Mein hirnloser nervenstumpfer Vormund
jagt mir täglich mehr Galle ins Blut. - Unter seiner schwarzen, zerzaussten
Perrükke stekt eine große Portion Spizbüberei verborgen. - Du kannst Dir leicht
vorstellen, dass dieser Mann uns arme Kinder gewissenlos einem schändlichen
Eigennutz aufopfert. Er entwandte uns einige Kleinodien von großem Werte, und
ich armes Mädchen konnte ihm diese Dieberei nicht beweisen, ob ich sie
gleichwohl sichtbarlich entdekte. Aber, so wahr Gott lebt! - Er soll es mir
gewiss unter vier Augen zu verstehen bekommen, wie klar ich seine betrügerische
Larve durchsah! - Und nun, meine Teuerste, zu etwas anderm: Du erinnerst Dich
doch noch jener eifersüchtigen Base, wovon ich Dir schon einmal schrieb? - Das
Weib wird immer wütender, und bald macht sie mir es zu bunt! - Du lieber,
gütiger Himmel! - Was diese Kreatur für Bosheiten in sich trägt. - Sie macht
selbst Seitensprünge und sucht sorgfältig die Laster in ihrem Manne auf, um die
ihrigen damit zu vermänteln. - Jeder Bissen Brod, den ich in diesem Hause
genieße, wird mir von ihr verbittert; sie ist ein gallsüchtiges Untier, nährt
sich vom Mistrauen, und lauert dabei auf jeden meiner Schritte. Meine selige
Mutter hat viele Wohltaten an sie verschwendet, und mich lohnt sie dafür mit
Undank. Freundin! - Wenn es nicht mehrere gute Menschen in der Welt gibt, als
ich bis jetzt kennen lernte, so ist ja die Welt ein Sammelplaz von Misgeburten,
die sich an der sanften Mutter Natur, versündigen. Möchte sich doch das
eifersüchtige Fieber meiner Base von selbst heilen; durch mich soll es
wenigstens nicht tötlich werden; eher brech ich auf, und ziehe weiter. - Zu dem
wird ihr Mann gegen mich immer dringender. Seine Sinnen scheinen ganz betäubt,
aber die meinigen um desto wachender, und so hat es noch keine nahe Gefahr.
Freilich ist das Gewinsel eines solchen Weichlings für mich ekkelhaft, wenn ich
so einen Sklaven der Wollust um mich herum muss kriechen sehen. - Doch, Freundin,
wundere Dich ja nicht über meine Kälte gegen so viele Versuche auf mein
siedheisses Blut; halte sie nicht für Romanenstärke; sie ist die natürlichste
Folge meiner noch unentwikkelten Empfindung. - Ich bin zu wenig noch mit dem
Gebrauch der Sinnen bekannt, um nach dem lüstern zu sein, was mein sauberer
Vetter mir wider meinen Willen abdringen will. - Mein Herz ist frei von
Leidenschaft und Interesse; das sind zwo gefährliche Klippen, woran so viele
Mädchen scheitern. - Nicht, dass ich etwa ein Triumphlied über meine
Enthaltsamkeit anstimmen will; mich deucht, ich würde dadurch die Menschheit
lästern, wenn
