 man schon gewöhnlich dem schönen Geschlechte das Denken untersagt, weil
es Kopfweh machen soll, so glaube ich doch meine Leser versichern zu dürfen, dass
selbst Männer von geübterem Nachdenken bei der Größe der Gedanken und
Empfindungen dieser Schriftstellerin staunen, und, wenn ihre Eigenliebe es ihnen
schon verbietet, ihre Früchte des Nachdenkens zu bewundern, doch den stillen
Beifall nicht versagen werden.
    Ich bin zu wenig von den Künsten gedungener Lohntrompeter unterrichtet, als
dass ich es wagen wollte, durch meinen Posaunenton das laute Jubelgeschrei zu
überstimmen, womit so manche, weniger denkende Frauenzimmer von gewissen Leuten
ausgeschrieen werden, deren Stimme auch bei der besten Lunge doch am Ende
heischer wird.
    Ich schweige - dies Werk mag seine Verfasserin selbst empfehlen, und diese
Wirkung wird es auch bei jedem Freunde des Nachdenkens hervorbringen, der
geborgten Wiz von dem eigentümlichen Gedankenschwunge einer Schriftstellerin zu
unterscheiden weis, die ohne auf das Prädikat einer Gelehrten Anspruch zu
machen, vielleicht weiter denkt, als manche von hoher und tiefer Gelehrsamkeit
strozzende Dame.
    Genug davon! - Die Leser dieses Werks werden sicher mit mir darin
übereinstimmen, dass es unverantwortlich wäre, eine Schriftstellerin nicht
aufzumuntern, deren erste Arbeiten uns noch so vieles für die Zukunft erwarten
lassen.
    Aber freilich ist es das gewöhnliche Loos der Frauenzimmer, die sich
erkühnen, ihre Geistesprodukten dem Publikum vorzulegen, dass man ihnen die Ehre,
Verfasserinnen zu sein, rauben will, wenn ihre Arbeiten sich über das
Mittelmässige erheben, und sie mit lautem Spotte belohnt, wenn sie ihre Gedanken
nicht gerade nach der einmal üblichen Form gemodelt haben; wenn ihre Schreibart
nicht eben so fehlerfrei ist, als der Styl des Gelehrten, der seine Jugendjahre
mit Silbenstechereien zugebracht hat.
    Der Beifall der Denker wird der Verfasserin dieses Werks Reiz genug sein,
auch fernerhin der Lesewelt ihre Arbeiten aufzutischen.
    Mehr darf ich izt nicht sagen, und ich glaube schon zu viel gesagt zu haben,
als dass ich mich nicht gefasst machen sollte, mich mit den Abgesandten des Neides
recht schriftstellerisch herumzubalgen, die wohl nicht unterlassen werden, auch
dies Werk mit ihrem Gifte zu besudeln.
    Für alle Andere bedarf es keiner Empfehlung, es empfiehlt sich selbst; und
ich befürchte den Unwillen der Leser auf mich gezogen zu haben, da ich sie durch
meine geschwäzzige Vorrede so lange von der Lektur des Werkes selbst abhielt.
Im Dezember 1787.
                                                                        T. F. E.
 
                                    I. Brief
                                Amalie an Fanny
                           Besste teuerste Freundin!
Wenn Du jenes gutherzige Mädchen bist, so öffne deinen Busen meinem Kummer. Seit
einer Stunde! - Gott im Himmel! - Seit einer Stunde ist meine Mutter tot! -
Diese teure, für mich so gütige Freundin ist nicht mehr! - O, fühle, wenn Du
kannst, die Last dieses Schmerzens
