 Bluts, und überlegt aus Mangel der
Bildung zu wenig ihre feurigen Handlungen. - Lebhaftigkeit führt zur Tugend oder
zum Laster, je nachdem sie geleitet wird. - Eigennutz ist auch ein Hauptfehler
dieser Nazion; um ihrer Befriedigung willen sind sie in Possenreissereien so
erfinderisch. - Selbst bei uns belustigen sie einige teutsche Fürsten mit
unsinnigen Frazzen. Mancher Hof bezahlt schweres Geld für eine welsche
Opersängerin, die in Italien ums Allmosen in Kaffeehäusern ihre schmuzzigen
Liedchen heruntertrillerte. - Bald werden die italienischen Landstreicher mit
ihren Murmeltierchen auf deutschen Bühnen ihr Glük machen, da es einmal so sehr
Mode ist, welsche Insekten zu dulden. - Keine auswärtige Nazion lokt die unsrige
zu sich und füttert sie. Wir gutherzigen, schwachen Deutschen allein bezahlen
ausländischen Unsinn und ungesittete Aufführung. - Und warum? - Aus Vorurteil!
- So lange der Teutsche dem inländischen Talent Schuz und Aufmunterung versagt,
eben so lange bleibt er ein alberner Affe, der nach der verstimmten Pfeife eines
Fremdlings tanzen muss. - O! die Großen, die Großen könnten vieles anders
einrichten, wenn sie wollten! - Ist es nicht Schande, dass man fremde faule Ware
auf Unkosten der fleissigern, aufgeklärtern einheimischen duldet. - Einige Höfe
strozzen voll italienischer Komte und Markisse, die es durch Speichellekkerei so
weit zu bringen wussten, dass man ihre zerlöcherten Adelsbriefe nicht einmal in
Verdacht hat; besonders wenn sie das Glük hatten, irgend einer empfindsamen
Fürstin zu gefallen. Diese Abenteurer machen sich der deutschen Gutherzigkeit
zu Nuzze, und wandern häufig aus ihrem Vaterland, um den Hunger zu stillen und
die bessten Aemter verdienstvollern Patrioten wegzukapern. - Bisweilen mislingt
ihnen dann ihre Rolle, und der Herr Komte verwandelt sich in einen Lakaien, der
seinem Herrn mit dem Adelsbriefe als ein Betrüger entfloh. - Deutschland ist mir
der Aufklärung ungeachtet in vielen Stükken ein Rätsel! - So viel von
    
                                                            Deiner bessten Fanny.
 
                                  CVII. Brief
                                    An Fanny
O Vorsehung! wie wunderlich sind doch deine Wege! - Unverhofft, Freundin, bin
ich auf einmal, wenigstens in einem Punkt glücklich, ruhig an Seel und Leib, denn
ich habe meine Freiheit wieder! - Der Tod hat meinen ausschweifenden Mann früher
hingerafft, als es von seinem Alter zu vermuten war. - Er ist dahin; Gott gebe
seiner Seele Friede, und mir die vorige Gesundheit wieder! - Nichts hat er mir
hinterlassen, als eine Menge Schulden, wofür mein guter Oheim noch bei seiner
Lebzeit bürgte. - Dieser zu frühe Hintritt kann vielleicht doch für meinen Oheim
und für mich üble Folgen haben. - Gott! - Wenn ich dadurch die fernere
Unterstüzzung meines Oheims verlöre! - Ich kränkle ohnehin eine Zeit her, und
werde wohl nimmermehr meine völlige Gesundheit wieder erhalten! - Schon seit
einigen Wochen verlasse
