 zu Lande keinen Fremden
mit dem Namenaufschreiben tirannisirt? - Aber desto aufmerksamer ist unsere
Polizei, die den Unschuldigen nicht statt des Schuldigen plagt! - (flüsterte mir
mein Vetter ins Ohr, der mein Selbstgespräch musste gehört haben). Liebschaften,
Mätressen, und alles, was ins Reich der Frau Venus gehört, steht nicht unter dem
mindesten Zwang, - wenn nicht Mordtaten, oder Diebstähle damit verknüpft sind.
- Wer sich in öffentlichen Häusern beschmuzzen will, kann es ohne Hindernis
wagen. Doch laufen bei aller dieser Freiheit die hiesigen Männer weit weniger
diesen Oertern zu, als bei uns, wo Vorurteil, Fraubasen-Geklatsch, oder der
bestochene Polizeirichter die Liebschaften von besserer Gattung so unbarmherzig
stören. - Jeder unterhält sich hier sein eigenes Liebchen nach dem Maasstab
seiner Einkünfte. Die öffentlichen Bedürfnishäuser werden meistens nur von
Fremden, oder von den allerlüderlichsten Einheimischen besucht. - Ich habe
diesen Saz meinem Vetter nicht glauben wollen; aber morgen, sagte er, müssen Sie
Beinkleider anziehen, und ich will Sie davon überzeugen. - Lebe wohl
unterdessen, meine Besste!
                                                                   Deine Amalie.
 
                                  CIII. Brief
                                   An Amalie
                               Liebste, Besste! -
Ländlich, sittlich! - so sagtest Du leztin selbst, und doch weigertest Du Dich,
Dich zu maskiren; wie kommt denn das? - O Du eigensinniges Weibchen, Du! -
Verhülle in Zukunft dein blühendes Gesichtchen, sonst läufst Du Gefahr ferner
beunruhigt zu werden. - Es muss übrigens doch für eine Fremde ein sonderbarer
Anblick sein, wenn sie das lebhafte Gemische so vieler Masken erblikt! - Mir
würde zwar dieses Getümmel nicht behagen; Mitleiden und Abscheu würden mich zur
tiefsten Traurigkeit hinreißen! - Schröklich ist es, meine Freundin, zu hören,
dass selbst der geheiligte Tempel Gottes vom Laster nicht geschont wird! -
Christen sollen das sein? - Christen, die die Größe und Allmacht ihres Schöpfers
weder fühlen, noch kennen! - Christen, die aus keinem reinen Unterricht gelernt
haben, die Gegenwart Gottes zu fürchten! - Diese Verworfenen beten zu oft, um
mit wahrer Zerknirschung des Herzens, mit wahrer Andacht beten zu können. - Ihr
kaltes, flüchtiges, abwesendes Herz wiedmet sich aus Langeweile unter ihrem
mechanischen Gebet bloß sündhaften Nebenbeschäftigungen. Sie hüllen ihre Laster
in Andachts-Übungen ein, um desto freier ausschweifen zu können. - Bigottismus
ist der Sünden Schuz, und ihr gleissnerisches Gebet ist ein grässliches Verbrechen
an der Majestät Gottes! - Schein der Frömmigkeit ist bei den Italienern fast
immer der Vorbote des Lasters. - Man hält in diesen Ländern vieles auf
äußerliche Gebräuche, aber desto weniger auf das innere Gefühl eines denkenden
Christen, der mit einem Worte seinen gütigen Schöpfer anzubeten weis. - Da
zwingt man die Menschen zum Gottesdienst; sie
