 ihr Dasein fühlen. - Das Buch der göttlichen
Offenbarung ist ihnen eben so fremd, als das schöne Gefühl der lieben Natur,
worin die Allmacht des Schöpfers so kennbar geschrieben steht. Gellert, dieser
vortreffliche Lehrer der erhabensten Begriffe von der Herrlichkeit Gottes ist in
den Augen der meisten Nonnen ein Kezzer. Ihre rasende Ignoranz geht bis zum
Abscheu! - Die Wut des Vorurteils sizt mächtig stark in ihren elenden Köpfen;
und so pflanzen sie die Unerträglichkeit auch in ihren Zöglingen fort. Die
Protestanten sind weit guterziger, und sorgen feuriger für das Wohl ihrer
Kinder. - Ich selbst war einst Augenzeuge, dass die katholischen Starrköpfe von
Nonnen ein protestantisches junges Mädchen nicht in ihre Verpflegung aufnehmen
wollten. - Kann man den unsinnigen Hass weiter treiben? Wer gibt diesen
Boshaften das Recht, eine andere Religion anzufeinden? - Die Elenden wagen es,
ihrem unschuldigen Nebenmenschen Liebesdienste zu verweigern, die der Heiland
selbst nicht versagte! - Von elenden Grillen angestekt, wandeln sie auf dieser
Erde den verdienstlosen Weg fort, der ihnen von einem gallsüchtigen
Gewissensrat vielleicht in der Beicht ist angewiesen worden. Wie kann denn ein
junges Herz bei so einem Beispiel Menschenliebe lernen? - Wer das Unglück seiner
Mitbrüder nicht erleichtert, wer sie nicht liebt, sie mögen auch hingehören, wo
sie wollen, der wird meineidig am Schöpfer! - Und nun genug von einer Sache, die
wir doch nicht ändern werden! Lebe wohl, gutes Malchen! - - Lebe wohl! -
                                                                          Fanny.
 
                                 LXXXIX. Brief
                                    An Fanny
                                  Teuerste! -
So einsam mein Aufenthalt auch immer ist, so findet sich doch immer etwas zum
plaudern. Durch meine Beobachtungen erweitere ich meine Kenntnisse, und erhalte
dadurch eine Beschäftigung, die mich vor Langeweile schüzt. Unter den Menschen
findet man überall Stoff genug zum Denken. Unvermerkt lernt man Tugend von
Gleissnerei, Schwachheit vom Laster unterscheiden. Wie nüzlich wäre jedem
Frauenzimmer Menschen- und Sittenkenntnis. Wie unterhaltend ist dieses Studium
für ein denkendes Weib! Die Frauenzimmer wären in der Glückseligkeit zu beneiden,
wenn sie ihre müßigen Augenblicke dazu verwendeten. Sie würden eigene Fehler
durch fremde kennen lernen, und überall den schlechten Zustand des menschlichen
Herzens entdekken. Sie würden auch ihre Stunden weniger mit Puz an der Toilette
töten, und dadurch ihrer sträflichen Eitelkeit eine Nahrung benehmen, die so
oft in Laster ausartet. - Sie würden dann aufhören ihre übrige Zeit mit
verläumderischer Schwazhaftigkeit zu brandmarken. - Kurz, sie würden denken
lernen, und durchs Denken fühlende, nüzliche Mitglieder der menschlichen
Gesellschaft werden. Weibliche Tändeleien, die den Kopf stumpf und das Herz zum
Biedersinn unfähig machen, sind die unrühmlichen Beschäftigungen, womit sich
unser Geschlecht abgibt. - Die Weiber sind oft in ihrem fünfzigsten Jahre noch
unmündige Kinder, die in ihren eitelen
