 ihre Begriffe von Gott; nie
das, was sie sein sollten. Ihr Religionsgefühl ist der seichten Lehrart ihrer
Vorsteherinnen angemessen. Sie werden Christinnen ohne Empfindung, bloß dem
Munde nach. - Der Mangel ihres Gefühls lässt sie nicht weiter über die Größe
Gottes nachdenken, als ihre Begriffe ihn fassen können, diesen so gütigen Gott,
dessen Allmacht sie nicht einmal aus der Natur einsehen und verehren lernen!
Weinen möchte man darüber, dass der heiligste Gegenstand der Religion in der
weiblichen Erziehung so verstümmelt wird! - Bei ihren Mahlzeiten genießen diese
armen Kinder Gottes gütige Gaben mit der äußersten Schüchternheit. Keine Silbe
von Gespräch, durch welches man die Denkungsart der Kinder so leicht kennen
lernt, darf in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin unter ihnen geführt werden! - Sie
lernen nicht einmal mit Anstand, ohne Zwang ihre Speisen genießen; die Furcht
schraubt sie in jeder ihrer Bewegungen wie Dratpuppen zusammen. Nach Tische
besteht ihre Erholung in einem Spaziergang im Garten; aber auch hier dürfen sie
nicht einmal der lieben Freiheit genießen. Wenn nun zwo sympatisirende
Freundinnen sich einander gerne allein ihr Herz mitteilen möchten, so werden
sie wie ein Bliz von der mistrauischen Lehrmeisterin getrennt, weil sie
befürchtet, ihr Herz möchte sich dem Gefühl der Freundschaft öffnen. Sonntags
müssen die Zöglinge paarweis in Gesellschaft einer Lehrerin, den Jünglingen zur
Schau, eine Hauptkirche besuchen. Ganze Reihen junger Mannsleute stellen sich
ihnen alsdann in den Weg, und reizen die schon zu fühlen beginnenden Mädchen zu
heimlichen Leidenschaften. Diese sklavische Behandlung bringt sie nach und nach
zur schändlichsten Erkältung in der Religion. - Hingerissen beim Kirchengehen
vom Wohlgefallen am männlichen Geschlecht, opfern sie bei ihrer Andachtsübung
eher dem Gott der Liebe, als dem Allgewaltigen im Himmel! - Kann man die
Religion den jungen Mädchen gefährlicher einkleiden, als in solche gleissnerische
Bigotterie? - Kurz, meine Fanny, überall finde ich, dass dieser Erziehungsplan
gar nicht zum Wohl der Menschheit entworfen ist. Wäre ich auch mit Kindern
überhäuft, so würde ich sie lieber an meiner Seite einfach, nach dem schönen
Wink der Natur erziehen, als an solche Orte hingeben, wo jedes gute Gefühl in
ihnen erstikt wird. - Die Erziehung ist ja so wichtig für unsere Glückseligkeit;
und doch gibt es Eltern, die sogar ihr Vermögen daran wenden, ihre Kinder an
solchen Orten verderben zu lassen. - Kein Monarch sollte Erziehungshäuser
dulden, wenn sie nicht vorher strenge untersucht worden sind. Vorurteil,
Religionshass, Bigotterie und Weibergrille sollten da durchaus nicht ihren
Wohnsiz haben, wo es darauf ankömmt, liebenswürdige Gattinnen, vernünftige
Mütter und rechtschaffene Bürgerinnen zu bilden. - Aber was meinst Du wohl,
Fanny, wenn die Weiber unter einander es wüssten, dass ich es wage Anmerkungen
über sie zu machen? - Hu! -
