 die Sünde
kennbar, wo eine bessere Leitung in der Liebe sie zur Rechtschaffenheit geführt
hätte. - Doch genug, meine Fanny, von einer Erziehungsart, die unter Weibern
ewig nie zu Stande kommen wird. - Warum? - Das beantworte Dir selbst! Und nun
für heut ein recht warmes Mäulchen von
                                                                  Deiner Amalie.
 
                                 LXXXVII. Brief
                                    An Fanny
                                Meine Traute! -
Ich kann unmöglich deine Antwort abwarten, die Zeit würde mir sonst tötlich
lange werden! - Ich habe Dir leztin die hiesige Erziehung in etwas entworfen. -
Aber wie viel Stoff wäre noch vorhanden, um sie auszumalen, diese elende
Erziehungsart. Täglich erwekt sie mir mehr Ekkel. - Wo ich nur hinblikke, fallen
meinem Auge neue Mängel darin auf. - Kaum kehrt die Lehrmeisterin ihren
Zöglingen den Rükken, so geht es an ein Hadern, an ein Schreien unter diesen
Mädchen, dass man gehörlos werden möchte. Schwazhaftigkeit ist ohnehin von Natur
der Fehler unsers Geschlechts. - Man denke sich nun so ein Häufchen weiblicher
Geschöpfe in ihrer Freiheit zusammen, die in Gegenwart ihrer Lehrmeisterin
keinen Laut von sich geben durften. - Da sizzen sie dann die armen Schlachtopfer
der Dummheit, flüstern sich einander heimlich in die Ohren, und zittern bei dem
geringsten Wort ihrer mürrischen Lehrerin. - Durch das strenge Verbot gereizt,
werden sie lüstern nach Freiheit, und hängen dann in Gedanken dieser Lüsternheit
so sehr nach, dass ihr Geist unfähig wird zum Lernen. - Unter einer vernünftigern
Einschränkung frei und munter begreifen die Kinder mit unendlich weniger Mühe.
Der gute Willen eines Kindes durch Ehre angefeuert, erfüllt weit leichter und
besser seine Pflichten, und führt dem Zwecke näher, als die raue Art, womit man
sie dazu zwingen will. - Sie werden durch eine solche strenge Art verstokt,
hinterlistig, verschmizt, und lernen nie aus eigenem Trieb ihre Pflichten
kennen. - Auch die Art, die etwas älteren Mädchen zu bestrafen, will mir durchaus
nicht gefallen! - Durch öffentliche kindische Züchtigungen wird das Ehrengefühl
eines solchen armen Mädchens mehr verdorben als gebessert. - Sobald das
erwachsene Mädchen mit dem Kinde einerlei Strafe dulden muss, so wird ihm diese
kindische Beschämung zur Gewohnheit, und erstikt in ihr jene edle Begriffe von
wahrer Schamhaftigkeit, die für ihre Jahre die erste Triebfeder zum Guten werden
könnten. - Doch weg hievon, meine Fanny; und in den Speisesaal dieser
Kostgängerinnen: Du wirst Dich wundern, wie sie ihr französisches Tischgebet so
kalt und flüchtig daherschnattern, dass es dem lieben Gott im Himmel gewiss nicht
gefallen kann. - Weder ihr Herz, noch ihr Kopf sind von den dankbaren Gefühlen
durchdrungen, die wir doch Alle so warm dem Ewigen schuldig sind! - Gemein weg,
wie man es unter so vielen Katholiken antrift, sind
