 Eigensinns zu sein, um unter
Müßiggang und verschiedenen Zänkereien ihren Launen abzuwarten. Die älteren
Fräulein hängen sich an Bigotterie und ihre hässlichen Folgen; die jüngeren
ergeben sich den schönen Wissenschaften und der Liebe. Doch muss ich es gestehen,
es gibt unter diesen Damen, troz den vielen männlichen Besuchen, selten
auffallende Szenen, die ans Aergerliche gränzten. Sie misbrauchen ihre Freiheit
nicht, sondern folgen willig der weisen Leitung einer vernünftigen Oberin, wenn
sie das Glük haben, eine solche Führerin zu besizzen. - Die Beschäftigung
einiger Damen ist Erziehung der Jugend, und die Schulen, worinnen mehrerlei
Sprachen gelehrt werden. Aber auch da hat das Vorurteil in der Erziehungsart
seine Stelle eingenommen; freilich nicht so stark, wie in andern Nonnenklöstern;
aber dennoch werden die Kinder steif und abgeschmakt erzogen. - Ein mechanisches
Einerlei ist die Beschäftigung ihrer Kostgängerinnen von frühe bis Abends. - Die
Arbeiten dieses Häufchens von jungen Mädchen teilen sich unter Nähen, Strikken,
Beten, Essen, Schlafen, Schwazzen und die Erlernung eines unregelmässigen
Dialekts der französischen Sprache. - Die Schulaufseherinnen geben sich zu wenig
Mühe, die aufkeimenden Gefühle der Liebe in ihren schon etwas erwachsenen
Kostgängerinnen zu studieren. Das achtzehnjährige Mädchen wird eben so strenge
als das achtjährige bewacht, und muss seine Gefühle heuchlerisch unterdrükken.
Männer statten bei ihren Lehrmeisterinnen Besuche ab, und reizen dadurch die
Einbildungskraft eines empfindsamen Mädchens, die bei ihrer harten Einschränkung
sich das nemliche Vergnügen wünscht. Und dann die Verschiedenheit der Herkunft
dieser Mädchen, die alle beisammen wohnen und schlafen müssen, ist die
gefährlichste Lage für ein gutartiges Gemüt, das, vom übelen Beispiele
hingerissen, alle Unsittlichkeiten einsaugt, die durch Kinder aus dem Pöbel
getrieben werden. Die jüngeren werden von den älteren in allerhand Untugenden
unterrichtet, und lernen oft vor der Zeit die Triebe der Natur kennen.
Schwazhaftigkeit, Neid, Boshaftigkeit und andere üble Gewohnheiten, keimen unter
ihnen im Stillen, durch böses Beispiel erzeugt, hinter dem Rükken ihrer
Lehrmeisterinnen auf, die ihre kurzsichtigen Augen nicht überall haben können,
um so viele Kostgängerinnen in ihren einzelnen Leidenschaften zu beobachten. Die
Tochter eines Edelmanns wird oft von der Tugend eines Bürgermädchens beschämt,
und dann im Gegenteil wieder die Tochter eines Edelmanns durch das rohe Laster
eines Bürgermädchens verdorben, ohne dass es ihre Lehrmeisterin einmal gewahr
wird. Keine von diesen Mädchen erhält ihrem Stand angemessene Bildung. - Mich
dünkt, der blose Eigennutz ist der Endzwek dieser Erziehungsanstalt; denn
mehrmalen wird eine reiche unartige Bürgerstochter im Schoss ihrer bestochenen
Lehrmeisterin verzärtelt, da indessen die ärmere adeliche unter der rohen
Behandlung des großen Haufens mitlaufen muss. Man untersagt zwar den Kindern die
Lesung guter Bücher nicht, aber man lehrt sie über kein Buch urteilen;
öffentliche Vorlesungen, durch welche die Kinder so viele Vorteile auf
