 zu sehr gewöhnt, in Romanen Lügen zu finden. Auch
fehlt es den meisten Menschen zu sehr an Erfahrung, um das so mannigfaltige
heimliche Elend ihrer Mitmenschen zu glauben. - Bosheit und Verfolgung wird
unter ihnen zu heuchlerisch getrieben, um den Umfang ihrer Vertilgung zu kennen.
- Nur dem Auge des Menschenkenners sind solche Schiksale begreiflich, der große
Haufen hüpft darüber weg, sobald er das Unglück nicht auf dem öffentlichen Markte
ausgeschrieen findet. - Besonders gehen in der Liebe und Ehe oft Dinge unter
beiden Geschlechtern vor, die man bei den wildesten Nazionen kaum antrift. - Es
scheint, als ob alle Güte des Herzens bei Männern und Weibern in der Liebe und
Ehe verschwunden wäre. Man findet gerade da die unmenschlichsten Grausamkeiten,
wo die sanften Bande des Gefühls ihre besste Wirkung tun sollten. - Da doch aber
Liebe und Ehe in dem menschlichen Leben die größten Epochen ausmachen, so
sollten sich die Moralisten besonders Mühe geben, die gegenseitigen, so sehr
einreissenden Mishandlungen durch gute, vernünftige Lehren zu verhindern. Wenn
die Liebe den Menschen zum sanften Nachdenken hinreisst, warum sollte die Liebe
nicht auch in jedem Stand Gutherzigkeit und Vernunft hervorbringen? - Aber
leider wird in unsern verdorbenen Zeiten die Liebe zur Buhlerei herabgewürdigt!
- Man knüpft ihre tugendhaft sein sollende Bande nur körperlich, und dann bleibt
ihr nichts mehr übrig, als Sättigung. Selbst die Romanendichter enteiligen die
Liebe mit ihren unächten Schilderungen. - Sie machen diese vortreffliche
Lehrmeisterin zur empfindelnden Sucht, oder im Gegenteil zur heuchlerischen
Heldin, die in der schwachen Menschheit keine Nachahmer findet. Die Menschen
würden ihre beiderseitigen Betrügereien in der Liebe weit eher unterlassen, wenn
das Männer- Herz durchs Denken moralischer, besser, und das weibliche stärker
würde. - Von übelm Beispiele angestekt, scheut sich kein Jüngling mehr, die
Liebe durch Leichtsinn zu entweihen, und eine weinende, genossene Unschuld
barbarisch der öffentlichen Schande zu opfern! - Eben so wenig als eine
diebische Kokette es für Verbrechen hält, ganze Reihen voll Jünglinge an Seel
und Leib zu Grunde zu richten. Gerade so sündhaft geht es in den jezzigen
meisten Ehen zu. Der Mann brutalisirt das schwächere Weib, und sie beschimpft
ihn dafür im Dunkeln in den Armen eines Eheschänders! - Doch weg, meine
Freundin, von einem Gemälde, das jetzt gar nicht für dein blutendes Herz taugt.
Könnt ich Dich doch mit etwas Besserm trösten, als mit der Hoffnung einer
glücklichern Zukunft, die Dir in diesem Leben noch alles versüßen muss, was Dich
bisher so grässlich peinigte! - Ha! - Wie gerne würde ich all meine Vernunft zu
diesem Vorsaz aufbieten, die meiner Freundin vielleicht Linderung verschafte! -
Aber wir arme Menschen sind so ohnmächtig in unsern Unternehmungen, und können
weiter nichts als bloß
