 werden könnte, vergiften. - Wir haben in
katholischen Ländern kein häufigers Übel, als unzufriedene Ehen. Würde man die
vielen menschlichen Teufel, die einander täglich, stündlich wie Furien plagen,
ohne Umstände von einander scheiden, so gäbe es minder boshafte Kinder und
minder unglückliche Ehen. - Der Richter muss Menschenkenner genug sein, um ins
Innere zweier Gemüter zu dringen, er muss mit Überlegung untersuchen, ob wegen
Verschiedenheit der Herzen, der Temperamenten, der Gemütsarten, der Grundsäzze,
alle Hoffnung verloren ist, solche Leute je wieder zu vereinigen, dass kein
Rükfall zu befürchten ist. Eingewurzelte, überwiesene Ausschweifung oder
Sorglosigkeit des Mannes sind auch Ursachen, die durchaus Ehen für immer
scheiden sollten; besonders dann, wenn keine Kinder vorhanden sind. Man urteile
nur selbst, ob nicht die Religion weit mehr durch die Unmöglichkeit der Trennung
eines Bandes enteiligt werde, welche oft beide Eheleute zur Verzweiflung
bringt, und sie in ihrem heimlichen Lasterleben nur noch hartnäkkiger und
verstokter macht, als durch die Lösung desselben, vermöge welcher vielleicht
noch Besserung für den einen oder den andern Teil zu hoffen ist. - Zwang nährt
überhaupt alle Laster, aber freiwillige Tugend macht der Religion und ihren
sanften Banden Ehre. - Es geschieht dann doch im Stillen in solchen Ehen so viel
Übels, als man sich kaum denken kann. Und ist denn bei dergleichen Entdekkungen
das Ärgernis nicht weit sträflicher als die Trennung? - Sollen denn zwei
abgeneigte, verbitterte Gemüter wie Kettenhunde so lange mit Wut an ihren
Ketten nagen, bis sie von selbst zerbrechen? - O Menschheit! - Menschheit! Wenn
werden deine Gesezze anfangen der lieben Vernunft und der schönen Natur Ehre zu
machen? - Aber nun, meine bedaurungswürdige Amalie, sei Dir das genug gesagt,
von einem Gesez, das auch Dich unglücklich macht! - O, meine Arme, wach auf aus
deinem gutherzigen Schlummer, suche Ruhe, suche Zufriedenheit; Du bist nicht
dazu geschaffen, Dich durch eines Andern Laster in Staub tretten zu lassen.
Amalie! ich fühle dein Elend jetzt wieder aufs Neue zu tief... um Dir etwas
weiter zu sagen, als dass ich mit Dir unglücklich bin! Deine fühlende
                                                                          Fanny.
 
                                  LXXIX. Brief
                                    An Fanny
Ja wohl, meine einzige, vortreflichste, guterzigste Freundin! Ja wohl, scheint
mir Alles in meiner Lage trostlos! - Nicht taub gegen deine Bitte, nicht taub
gegen die Vernunft, aber unfähig zu jeder Unternehmung, schleppe ich meine
Geschikke von Gedanke zu Gedanke, und kann keinen finden der mich beruhigt. - Ob
ich der Mishandlungen meines Manns nicht müde bin? - O meine Besste! - Mein
schwacher Körper ist es schon lange, aber mein Herz ist es nicht. - Lass es immer
an dem Pflichtvergessenen
