
eigennüzziger Gebieter in einer augenbliklichen Erholung überrascht. So viele
mit Vorurteil bestrikte Herren nehmen sich sogar die Freiheit heraus ihren
Bedienten nüzliche Bücher zu verbieten, und schränken junge Leute bei müßigen
Stunden zuchtausmässig ein. O der steifen Dummheit, die ihrem Nebenmenschen
jeden Weg zur Weltkenntnis und zur Bildung abschneidet! Wie kann so ein junger
Mensch Geist und Denkkraft erhalten? - Wie kann er ein taugliches Mitglied der
menschlichen Gesellschaft werden? Wie kann er als Herr einst vernünftiger gegen
seine Untergebenen handeln, wenn er selbst so elend ist behandelt worden? -
Pöbelhafte Sitten, Unempfindlichkeit, Grobheit, Vorurteil müssen bei ihm ewig
hervorscheinen, weil es die ersten Eindrükke sind, die er, als sogenannter
Hundsjunge, in seiner frühen Jugend einsog. - Väter und Mütter, lasst eure
Kinder Zuschauer von allen Beschäftigungen werden, die zu diesem Stande gehören;
aber hütet euch wohl, sie außer einem Notfall selbst an niedrige Arbeiten zu
gewöhnen, sie kommen dadurch mit dem Pöbel in Gemeinschaft. - Ladenkehren,
Einheizen, Kinder herumschleppen, Betten machen, u.s.w. sind lauter unwürdige
Beschäftigungen, die ihr Herz und ihre Bildung verunedeln. - Bald schreib ich
Dir wieder mit eben dem Herzen, das nur Dir gehört.
                                                                         Amalie.
 
                                 LXXVII. Brief
                                    An Fanny
O meine gutherzige Freundin! - Das war wieder für mich ein entsezlicher
Auftritt! - Ein Auftritt, der jedes warme, fühlende Menschenherz zum innigen
Mitleiden hinreißen muss! - Ich will Dir ihn schildern diesen Auftritt, wenn ich
es vermag: - Vor einigen Tagen musste mein Mann einen Transport Mannschaft nach
G.... liefern. - Mein Oheim befürchtete diese Mannschaft möchte in den Händen
der Unteroffiziere eben nicht am sichersten sein. - Aus diesem Grund riet er
meinem Mann, er möchte aus Vorsicht selbst mitreiten. - So sauer nun diese
kleine Reise meinen Mann ankam, so durfte er meinem Oheim doch nicht
widersprechen, und es geschah. - Er machte sich nebst seinem Bedienten auf den
Weg, geriet aber auf der Rükreise in eine Spielgesellschaft und - Gott erbarme
sich seiner und meiner! - - Er verspielte in eben dieser Gesellschaft Pferd,
Geld und alle übrigen Kostbarkeiten, die er bei sich führte. - Ha! - Meine
Fanny! Wie erschrak ich, als sein Bedienter mit dieser Nachricht bei mir
anlangte! - Der Kerl versicherte mich, dass Verzweiflung auf dem nächsten Dorf
sich seines Herrn bemächtigt hätte! - Starrend, staunend sah ich dem Burschen
ins Gesicht, konnte weder denken noch handeln, alle Fassung hatte mich verlassen!
- - Es war mir unmöglich dieses Elend meinem Oheim anzukündigen! - Ich sah jetzt
seine Wut, seine Verwünschungen zum voraus! - Und konnte ich es ihm verdenken
diesem guten Manne, der
