
        
                                Marianne Ehrmann
                                     Amalie
                       Eine wahre Geschichte in Briefen.
                                        
                Von der Verfasserin der Philosophie eines Weibs
                                   Erster Band
                         Vorerrinnerung des Herausgebers.
Feinheit der Gedanken und Leichtigkeit des Ausdruks zeichneten von jeher die
Schriften der Frauenzimmer aus, welche sich zu Selbstdenkerinnen
emporgeschwungen hatten.
    Auch diese Briefe tragen das Gepräge dieses karakteristischen Kennzeichens
an sich, woran die Leser und Leserinnen der Geschichte Amaliens leicht das
Frauenzimmer erkennen werden, das ihnen durch ihre so liebenswürdige Philosophie
schon allzuwol bekannt sein wird, als dass ich nötig hätte, meiner wenigen
Beredsamkeit aufzubieten, um ihr Lobredner zu werden.
    Das edle, jedem Wohlwollen offene Herz, der ausgebildete Verstand, der
muntere, kühne Wiz dieser Denkerin, bedarf keiner Empfehlung an alle Die, welche
Tugend und Geistesfähigkeiten zu schäzzen wissen; aber Schade ist es, dass bisher
die Talenten dieser liebenswürdigen Schriftstellerin nicht allgemeiner bekannt
geworden sind; da doch so manches Frauenzimmer im lieben Deutschland auf den
Flügeln wohlwollender Freude zum Tempel des Ruhms emporgetragen wird, welcher
vielleicht selbst vor der Höhe schwindelt!
    Warum sollte es nicht Pflicht sein, im Verborgenen schimmernde Talenten
hervor ans Licht zu ziehen, damit auch Andre sich drob freuen, sich daran laben
können; - damit sie blühen, diese verkannte Talenten, und Früchten tragen mögen
zum Vorteile der Gesellschaft? -
    Einen kleinen Teil dieser Pflicht glaube ich nach meinem wenigen Vermögen
zu erfüllen, indem ich dem Publikum dies Werkchen vorlege, dessen unverkennbare
Schönheiten das Zischen des Neides überstimmen werden, der so selten den
Verdiensten eines denkenden Frauenzimmers Gerechtigkeit widerfahren lässt!
    Es sind Briefe, die eine im Grunde wahre Geschichte enthalten; - Briefe, in
welchen die feinsten Empfindungen mit den edelsten Grundsäzzen verwebt sind; -
Briefe, deren natürlicher, ungeschminkter, launigter Ton, deren warmgefühlte
Ausdrükke, und kühne, vorurteilfreie Schreibart, sich den Lesern ebensowohl,
als das Interessante der Geschichte selbst empfehlen werden.
    Treffende Schilderungen von Situazionen - tiefe Blikke ins menschliche Herz
- launigte Erzählungen - satirische Anmerkungen - kühne Ausfälle auf verjährte
Vorurteile wechseln mit der Sprache des Gefühls und der Leidenschaften ab, die
mit ihren feinsten Schattirungen in diesen Briefen ausgemalt werden.
    Unter die ersten Verdienste dieses Werkchens gehört auch die edle
Freimütigkeit, mit welcher unsre Denkerin die Torheiten bekriegt, und dem
verkappten Laster die Maske vom Gesichte reißt; nicht in heiliges Dunkel
verhüllte Rechte tief eingewurzelter Vorurteile, nicht Furcht vor dem Gekrächze
blödsinniger Dummköpfe hält sie ab, die selbstgefühlte Wahrheit zu denken und zu
schreiben; und jeder Denker wird mit innigem Vergnügen ein Werk lesen, das bloß
ein Kind der Natur ist, und als ein solches ohne künstlichen Wortprunk, ohne
gesuchten Schmuk, ohne Ziererei so geradehin sich jedem Freunde der Aufklärung
empfiehlt, der den Kern nicht über der Schale vergessen, und an pedantischen
Wortklaubereien hängen bleiben wird.
    Wenn
