 ist das erste Gesetz, wie bei jedem lebendigen Dinge;
und jede Staatsverfassung, wo nur ein Teil sich wohl befindet oder gar
abgesondert wäre, ist ein Ungeheuer, eine Missgeburt.
    Ein Despot also, das ist, ein Mensch, der ohne Gesetze, die aus dem Wohl des
Ganzen entspringen, über die andern herrscht, bloß nach seinem Gutbefinden, ist
kein Kopf am Ganzen des Staats, sondern ein Ungeziefer, ein Bändelwurm im Leibe,
eine Laus, Mücke, Wespe, das sich nach Lust an seinem Blute nährt; oder will man
lieber: ein Hirt, weil doch dies das beliebte Gleichnis ist, der seine Schafe
schiert und melkt und die jungen Lämmer schlachtet und die fetten Alten,
wahrlich nicht zu ihrem Besten, sondern zu seinem Besten.
    Der Staat ist endlich ein Tier, das seine Gesetze hat, weder von Kühen noch
Schafen, sondern von der Natur des Menschen, weil er aus Menschen besteht; und
kein Mensch ist so über andre wie ein Hirt über seine Herde. Ein vollkommener
Staat muss ein Tier sein, das sich selbst nach seiner Natur, seinen Bedürfnissen
und Erfahrungen regiert, wie ein Ulysses für sich nach den Umständen und gegen
andre.
    Eine reine Aristokratie, wo mehrere beständig herrschen nach ihrem
Gutbefinden, ohne Gesetze aus dem Wohl des Ganzen, nur mit Gesetzen für ihr
Wohl, die sie nach Belieben ändern, ist eine vielköpfige Hyder von Despotismus,
viel Ungeziefer auf dem Leibe statt eines.
    Ein Staat von Menschen, die des Namens würdig sind, vollkommen für alle und
jeden, muss im Grund immer eine Demokratie sein; oder mit andern Worten: das Wohl
des Ganzen muss allem andern vorgehn, jeder Teil gesund leben, Vergnügen
empfinden, Nutzen von der Gesellschaft und Freude haben; der allgemeine Verstand
der Gesellschaft muss herrschen, nie bloß der einzelne Mensch.
    Diese Lage aber zu erhalten, dazu gehört ein durchgearbeitetes Volk, das
sich selbst, seine Kräfte und sein Interesse kennt und sich in einen Punkt
vereinigen kann; und selten ist einer, der an der Spitze steht, aus Liebe oder
Gewalt, imstande, eine andre Verfassung in eine solche umzuändern, geschweig ein
Philosoph auf seinem Studierzimmer. Die ursprüngliche Ungleichheit der Menschen
und die daraus entspringende äußerliche Ungleichheit der Besitzungen und der
Gewalt und des Ansehens machen noch überdies den gordischen Knoten, der durch
keine Vernunft an und für sich, ohne Rücksicht auf die jedesmalige Verfassung,
aufzulösen ist. Nur ein Dichter kann auf einmal Tausende und Millionen von
Menschen wie überein gedrechselte Maschinen in einen Raum, wo kein Grad der
Breite von Europa, Afrika, Asien und Amerika ist, hinstellen und in beliebige
Ordnung bringen.
    Was für Mühe kostete es nicht dem römischen Volke, das in dieser ersten
