 dann den Nero
verlassen, wenn er ein Stoiker, wie sich gebührt, hätte bleiben wollen. Allein
es gefiel dem Herren zu herrschen: er blieb bei den Tigern und duckte sich unter
ihre Klauen.
    Ich erinnerte ihn an seine ehemaligen republikanischen Gesinnungen, warnte
ihn vor den Ausschweifungen in der Liebe; und beschloss mit der Nachricht, die
ihm so freudenvoll sein musste, dass Cäcilia schon vorigen Monat auf dem Landgut
ihres Vaters am Lago di Garda von einem gesunden und starken Knäblein ohne lange
Mutterwehen glücklich entbunden worden sei; und ich mich nun wieder in der
Nachbarschaft befinde, wo unsre Freundschaft so frisch und mächtig aufgrünte und
in unsern Herzen unzerstörliche Wurzeln schlug. Er könne nun alles einlenken,
sein Leben in Zukunft äußerst angenehm zu machen.
                                                                Florenz, Julius.
Deine zärtliche Sorge für mein Heil rührt mich bis ins Innerste, und die
Nachrichten von Cäcilien freuen mich herzlich: allein die Zeiten meiner Ruhe,
des glückseligen Maulwurflebens sind noch nicht gekommen.
    Ich verstehe alles, was Du sagst: nur möcht ich das Blättchen umwenden und
behaupten: bei einem trefflichen Fürsten kann keiner ausdauern, ohne schlechte
Streiche zu begehen. Die Sokratische Philosophie hat den Fehler, dass sie fast
alles auf den Nebenmenschen und die Gesetze des Staats bezieht und nichts an und
für sich betrachtet, welches natürlicherweise allemal vorgeht. Nach der Meinung
des alten Patrioten, der doch den Schierlingsbecher zu seinem eignen Besten
ausleerte, wäre nur der Löwe gut und schön, der seinen Ateniensern Hasen fing.
Nero, der zwar immer im Taumel lebte und selten klar sah und bei Überlegung, hat
wenigstens damit der wahren Politik ein Ziel gesteckt, dass er sagte: keiner habe
so wie er vor ihm verstanden zu herrschen. In der Tat zeigt die Geschichte des
Decemvirn Appius mit der Virginia die Einfalt der damaligen Zeiten, und Sylla,
Augustus und Tiberius sind schon Virtuosen dagegen im Despotismus.
    Mit der Idee von einem vollkommenen Staate kann man leider geschwinder fertig
werden als der Wirklichkeit; da legen Grund und Boden, Ursprung und Geschichte
des Volks, gegenwärtige Stärke an Leib und Seele, dessen Glauben, Meinungen und
Sitten und Nachbarn unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg und kommen lauter
unbezwingliche borstige Ungeheuer zum Vorschein. Hier hast Du kurz mein
Glaubensbekenntnis; und ich will Dir reinen Wein einschenken:
    Man betrachtet eine Gesellschaft von Menschen, die man einen Staat nennt, am
besten als ein Tier, das von innen Kräfte, Proportion aller Teile haben und
gesund sein muss, und volle Nahrung, um für sich auf die Dauer zu existieren und
glücklich zu sein; und von außen Stärke, Erfahrung und Klugheit, um sich gegen
die Feinde zu erhalten; denn alles von außen, wie Kindern bekannt, ist Feind.
    Das Wohl des Ganzen
