 kann nicht ohne sie bestehen.
Die schärfsten und strengsten Linien, selbst eines Michelangelo, sind Traum und
Schatten gegen das hohe Leben eines Tizianischen Kopfs. Profile kann jeder
Stümper abnehmen, da braucht sich der andre nur vors Licht zu setzen, richtiger
als sie ein Raffael aus freier Hand zeichnet; aber das Lebendige mit allen den
feinen Tinten in ihrer Vermischung und schwindenden Umrissen, die keine bloße
Linie fasst: da gehört Auge und Gefühl dazu, das die Natur nur wenigen gab. Wer
sich einmal an das Leichte gewöhnt, der kommt mit dem Schweren gar selten fort.«
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    »Sie mögen im Grunde recht haben«, versetzt ich darauf; »nur verfällt man
bei Ihrer Art leicht in den Fehler, dass man sich allzusehr an das Materielle
hält und das Geistige darüber außer acht lässt. Inzwischen möchte Ihnen der Römer
- wahrscheinlich war es einer diesen Abend im Weinhause -, was Sie sagten,
scharf bestreiten.«
    »Der Vorurteile sind noch mehr in der Kunst, die ebenso hartnäckig
verfochten werden«, sprach er ferner. »Was das Geistige betrifft, das lernt sich
und verlernt sich nicht; da gehört guter Instinkt aus Mutterleibe dazu und
vollkommne Gegenstände von außen herum. Deuten und hinführen kann man wohl; aber
wo kein Zug, keine innere Richtung ist, kommt lauter Manier hervor, dem
Menschen, der seinen Durst löschen will, soviel als nichts und überdrein
vergebliche Mühe; denn er hat sich an den leeren Schein hinbemühen und
untersuchen müssen.
    Der Römer hat viel Verstand; nur malen soll er nicht: er hätt ein
Schriftsteller werden sollen; jetzt aber ist er einmal im Geleise und schwatzt
sich durch. Dieser ahmt eine Natur nach, welche nur noch in Steinen existiert,
eine Natur ohne Farbe mit Farbe: und will täuschen! eine feste starre Bewegung
von den Millionen Lebendigen, die immer um uns herum entstehen! weil es freilich
jedermann leichter und dem schachmatten Stubensitzer bequemer ist, einen
bretternen Hirsch zu schießen als einen, der durch die Wälder streicht und über
Büsche und Gräben setzt; zumal da wir heutiges Tages meist verbotene Jagd haben.
    Er hat ein langes und breites an der Hochzeit zu San Giorgio Maggiore von
unserm herrlichen Paul getadelt. Christus mit seinen Aposteln sitzt freilich im
Mittelgrund am Tische ziemlich unbedeutend; und sie sind bloß deswegen da, weil
sie dasein müssen, weil wir andern Menschenkinder uns keinen sinnlichen Begriff
von den Gestalten dieser Wundermänner machen können.
    Die Hauptsache aber bleibt immer der Schmaus, das Fest und der Wein über
alle Weine; erste erfreuliche Bekräftigung unsrer Religion nach dem Johannes.
Und in dieser Rücksicht ist das Stück voll Laune und die Begebenheit darin
erzählt wie eine spanische romantische Novelle. Die Hauptfiguren sind ein Tisch
mit
